Lord of War – Händler des Todes (USA/F 2005)

lord-of-war„There are over 550 million firearms in worldwide circulation. That’s one firearm for every twelve people on the planet. The only question is: How do we arm the other 11?“ – Yuri

Andrew Niccols „Lord of War“ ist ein zweischneidiges Schwert. Die als Biografie eines fiktiven Waffenhändlers getarnte Abrechnung mit der Doppelmoral westlicher Staatsgefüge greift ein brisantes Thema auf, schmückt es mit entlarvenden Fakten – wer hätte gedacht, dass die fünf ständigen Mitglieder des UN-Sicherheitsrates die Weltspitze waffenexportierender Nationen ausmachen? – und garniert es mit visuellem Einfallsreichtum. Das große Problem ist die Fokussierung auf den erdachten „Händler des Todes“. Nicolas Cage („The Weather Man“) mimt diesen Yuri Orlov souverän, mitunter am Rande des Overactings. Aber das ist man vom wechselhaft überzeugenden Oscar-Preisträger kaum anders gewohnt. An seiner Darstellung ist im Grunde nichts auszusetzen. Mehr schon an der Beschaffenheit seiner Figur.

Yuri Orlov, Sohn ukrainischer Einwanderer, findet seine Berufung im Handel mit Waffen. Binnen weniger Jahre steigt er zu einem der einflussreichsten Männer seines Standes auf. Einschlägige Staatsführer nennt er beim Vornamen, mit der Wandlungsfähigkeit eines Chamäleons passt er sich selbst widrigen Geschäftsbedingungen an. Seine gesamte Existenz fußt auf einem Konstrukt aus Lügen, angefangen beim Namen. Yuri besitzt dergleichen mehr als ein Dutzend, die dazu passenden Ausweisdokumente inklusive. Er weiß genau, wann er wem was vorzubringen hat, um seine Ziele zu verwirklichen. Was ihm nicht obliegt ist die Differenzierung zwischen Richtig und Falsch. Tätigt er die Geschäfte nicht, tut es eben ein anderer. Die Moral ist so paradox wie die Untauglichkeit des Charakters, als Zentrum des Films zu fungieren.

Die Stationen des Yuri Orlov folgen dem Regelwerk etwaiger Kinobiografien. In Ausschnitten folgt der Zuschauer Aufstieg und Rückschlägen. Wie so häufig fehlt auch hier der Erkenntnisgewinn. Nicht zuletzt, weil der Protagonist nicht wächst, sondern schrumpft. Was auch geschieht, von seinem Weg anpassungsfähiger Schubfachideologien rückt der Waffenhändler nicht ab. Autor und Regisseur Andrew Niccol („Gattaca“) blockiert die Aussagekraft der Figur durch dessen Huldigung. Die Bilder und die Musik machen das dreckige Geschäft zum Abenteuer, würdigen den fehlgeleiteten Karrieristen wiederholt für dessen spontane Raffinesse. Die kommt meist dann zum Tragen, wenn ihm Interpol-Agent Jack Valentine (verschenkt: Ethan Hawke, „Before Sunset“) an den Fersen klebt.

Als cleverer Geschäftsmann hat Yuri stets die passende Antwort parat, um seinen Häschern zu entrinnen. Kurzerhand funktioniert er einen Kampfhubschrauber durch Separierung der Waffensysteme zum humanitären Einsatzgerät um oder verteilt eine ganze Flugzeugladung Schusswaffen an die leidende afrikanische Bevölkerung. Das Nachsehen hat neben der Justiz auch das satirische Potential. Am Ende verliert Yuri die Familie. Schmerz wird sichtbar. Aber es ist nicht der Schmerz der Einsicht, die Mitschuld am Tod von Tausenden Menschen zu tragen. Die Hilflosigkeit der mangelnden Ambivalenz steht dem handwerklichen Geschick des Regisseurs gegenüber. Sein „Lord of War“ ist, abgesehen von den schwachen Computerbildern der Auftaktsequenz, ein technisch hervorragender und durchweg unterhaltsamer Film. Nur die Aussagekraft kommt ihm dabei abhanden.

Wertung: (6,5 / 10)

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