London to Brighton (GB 2006)

london-to-brightonIn der allgemeinen Wahrnehmung steht das moderne britische Kino noch immer für übersteigerte Gangsterballaden und comichaft coole Typen. Doch der Eindruck trügt. Den Beweis erbringen Regisseure wie Shane Meadows („Dead Man’s Shoes“). Oder Paul Andrew Williams („The Cottage“), der mit dem garstigen Thriller-Drama „London to Brighton“ nicht minder beeindruckend für ungeschminkt kraftvolle Independent-Filmkunst einsteht. Die bildet glaubhaft Milieus und soziales Elend ab, nicht distanziert, sondern unmittelbar und ganz bewusst nach den Regeln etwaiger Genrefilme.

Williams beginnt sein schnörkelloses Kinodebüt auf einer Bahnhofstoilette, wo die übel zugerichtete Hure Kelley (Lorraine Stanley, „Eden Lake“) die junge Joanne (Georgia Groome) zu beruhigen versucht. Das ungleiche Gespann sieht aus, als wäre es durch die Hölle gegangen. Doch sind die Ereignisse, die zu ihrer überstürzten Flucht führten nichts im Vergleich zu dem, was sie in den folgenden knapp 86 Minuten noch alles ereilen wird. Sein Publikum aber belässt Williams erst einmal im Unklaren und entblößt nur allmählich den klaffenden Abgrund aus Gewalt und Missbrauch, dem die beiden zu entkommen suchen.

Von der gefürchteten Unterweltgröße Duncan Allen (Alexander Morton, „Croupier“) bekommt Kelleys Zuhälter Derek (Johnny Harris, „Daylight Robbery“) den Auftrag, die Flüchtigen aufzuspüren. Denn er war es, der das Mädchen als Kinderprostituierte an Allens perversen Vater vermittelte. Mit dem Zug geht es von London ins beschauliche Brighton, wo Kelley bei einer Freundin Zuflucht sucht. Geld für die Tickets hat sie nicht. Also geht sie kurzerhand anschaffen, woran sie das geschundene Gesicht nicht hindert. Doch Derek stellt ihnen nach, um die eigene Haut zu retten ohne Zögern bereit, sie der Willkür des rachsüchtigen Gangsters auszuliefern.

Neben der verschachtelten Erzählform, die Aufklärung über Rückblicke so lange wie möglich hinauszögert, potenziert sich die Spannung durch das grandiose Spiel der Hauptdarstellerinnen. Und die bloße Androhung der Gewalt, die ohne Stilisierung auskommt und so ihren Schrecken bewahrt. Das Erlebnis, das Williams damit bietet, ist so unbequem wie intensiv. Die finale Wendung mag nicht zwingend überraschen, den Nachhall dieses ungeschliffenen Juwels mindert sie damit aber kaum. Während sich die Guy Ritchies in ihren Klischees ewiglich wiederholen, verorten Produktionen wie diese das Englische Kino wieder auf der Weltkarte des Films. Wer das verpasst, hat selber Schuld.

Wertung: (8 / 10)

 

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