Life of Pi – Schiffbruch mit Tiger (USA/CN 2012)

life-of-pi„I suppose in the end, the whole of life becomes an act of letting go, but what always hurts the most is not taking a moment to say goodbye.“ – Pi Patel

Allein auf hoher See, mit Zebra, Orang-Utan, Hyäne und einem bengalischen Tiger namens Richard Parker. Die Prämisse von „Life of Pi“, basierend auf Yann Martels Erfolgsroman „Schiffbruch mit Tiger“, klingt eigenwillig versponnen. Aber der Hauptteil, bestehend aus der auf einem Rettungsboot gestrandeten Hauptfigur und besagter Großkatze, wirkt nur auf den ersten Blick märchenhaft magisch. Denn der darum drapierte Rahmen erzählt eine tragisch gefärbte Geschichte von Ausgrenzung und Verlust. Für deren virtuose Inszenierung erhielt Meisterregisseur Ang Lee nach „Brokeback Mountain“ seinen zweiten Oscar.

In Kanada berichtet Einwanderer Piscine Molitor Patel (Irrfan Khan, „Slumdog Millionaire“), genannt Pi, aus seiner bewegten Vita. Gebannter Zuhörer ist ein junger Autor (Rafe Spall, „Prometheus“). Pis Kindheit in Indien wird zur ewigen Suche nach Zugehörigkeit. Seines Namens wegen in der Schule gehänselt, entscheidet er sich für den mathematisch angelehnten Rufnamen Pi. Der Vater, ein liberaler Zoobetreiber, erzieht seine beiden Söhne zu mündigen Menschen mit naturgegebener Skepsis vor den Weltreligionen. Das allerdings hält Pi nicht davon ab, sich sämtlichen Glaubensrichtungen zu öffnen und ein Potpourri spiritueller Einflüsse in seinen Lebensentwurf mit einfließen zu lassen.

Sein Vertrauen in Gott, Allah und Vishnu wird auf eine harte Probe gestellt, als der Vater in Zeiten wirtschaftlichen Niedergangs die Auswanderung beschließt. Startkapital soll der Verkauf der Zootiere in Amerika bringen. Und so findet sich Pi (in der jungen Variante gespielt von Suraj Sharma) bald auf einem japanischen Frachter wieder, auf dem Wahl-Russe Gérard Depardieu („Das Labyrinth der Wörter“) einen Kurzauftritt als mürrischer Koch absolviert. Als ein schwerer Sturm aufzieht und das Schiff sinkt, überlebt nur Pi die Katastrophe und findet sich mit eingangs erwähnten Tieren, von denen bald nur noch der Tiger übrig ist, auf einem Rettungsboot wider. Der Beginn einer tragikomischen Odyssee mit allegorischer Beziehung zwischen Mensch und Raubtier.

Die kleiden Lee und der ebenfalls Oscar-prämierte Kameramann Claudio Miranda („Der seltsame Fall des Benjamin Button“) in farbenfroh opulente Bilder, deren beeindruckender Güte auch die (jawohl, mit dem Oscar ausgezeichneten) Computer-Effekte entsprechen. Für Filme wie diesen wurde das Kino erfunden, doch lebt „Life of Pi“ nicht allein von der berauschenden Visualisierung. Die kluge und subtil philosophische Geschichte betört, amüsiert und berührt zugleich. Lees große Kunst liegt auch hier wieder in der Verbindung eines unkonventionellen, wenn auch erst spät abgezeichneten Dramas und bildgewaltiger Unterhaltung. So halten sich kommerzielle Kompromisse überraschenderweise in Grenzen. Ein beeindruckendes Werk und zugleich würdige Verfilmung der literarischen Vorlage.

Wertung: (8 / 10)

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