Lautlos (D 2004)

lautlosBei der Betrachtung der deutschen Filmindustrie beschleicht außenstehend Interessierte oftmals das Gefühl, dass nationalen Projekten der Mut zur Erschließung unkonventioneller Strukturen fehlt. Sicher, das Terrain debiler Teeniekomödien („Harte Jungs“, „Feuer, Eis und Dosenbier“) wurde recht zügig durchschritten, auch an Tarantino und den Gebrüdern Coen („Der Eisbär“, „Kaliber Deluxe“) delektierte man sich gütlich – Stilistische Unbefangenheit erreichte man jedoch nicht. Mit dem eigenwilligen Thriller-Drama „Lautlos“ unternimmt Spielfilmdebütant Mennan Yapo („Framed“) einen Vorstoß in Bereiche anspruchsvoller Unterhaltung, indem er die lange Tradition filmischer Auftragsmörder auf die Gegebenheiten des hiesigen Kinos transferiert.

Der Profikiller Viktor (Joachim Król, „Zugvögel“) begeht den ärgsten Fehler, der in seinem Metier denkbar ist: er verliebt sich. So verschont er die schlafende Nina (Nadja Uhl, „Was tun, wenn´s brennt?“) während seines jüngsten Einsatzes und sucht nach der Verhinderung ihres anschließenden Suizids zunehmend ihre Nähe. Durch die zögerliche Annäherung der beiden einsamen Seelen gerät Viktors streng geordnetes Leben alsbald aus den Fugen – und er selbst ins Visier des Profilers Lang (Christian Berkel, „Das Experiment“, „Männer wie wir“).

In klinisch sterilen Bildern erzählt Mennan Yapo die Geschichte eines schweigsamen Todesengels auf seinem Weg aus dem Abgrund der Emotionslosigkeit. Wie einst Jean Reno in „León – Der Profi“ versucht auch Berufsmörder Viktor dem Gefängnis seiner verlorenen Identität zu entfliehen. Und genau an dieser Stelle setzt bei „Lautlos“ der Hebel der Problematik an: Durchbrach in Luc Bessons Meisterwerk noch Wärme das enge Korsett der Melodramatik, lässt Regisseur Yapo den Zuschauer mit der inszenierten Kälte seiner atmosphärisch dichten Thriller-Lovestory allein. Joachim Król tritt dabei das schwere Erbe von Alain Delon, Edward Fox, Charles Bronson und Jeán-Paul Belmondo an, lässt hinter seinem stoischen Mienenspiel jedoch charakterliche Nuancierung vermissen.

Stilistisch orientiert sich „Lautlos“ an großen Vorbildern wie „Der eiskalte Engel“ und „Der Schakal“, obgleich es dem deutschen Pendant im direkten Vergleich an inszenatorischer Stärke und dramaturgischer Finesse mangelt. Zwar verfügt das melancholische Thriller-Drama über einen konstanten Spannungsbogen und durchweg überzeugende Darsteller, eine straffere Inszenierung wäre jedoch durchaus erstrebenswert gewesen. Mennan Yapo begnügt sich mit der zögerlichen Auslotung differenter Unterhaltungsformate für die deutsche Kinovielfalt, bleibt bei dieser ambitionierten Ausrichtung allerdings, nicht zuletzt aufgrund des unbefriedigenden Finales, hinter den internationalen Vorreitern zurück.

Wertung: 6 out of 10 stars (6 / 10)

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