Keinohrhasen (D 2007)

keinohrhasenTil Schweiger sei Dank, die deutsche Filmindustrie konnte in diesem Jahr endlich mal wieder einen richtigen Hit vorweisen. Wobei Schweiger sich und sein Werk – trotz guter Kritiken und beachtlichem Zuschauerinteresse – nicht ausreichend gewürdigt sah. Ein eigener Filmpreis sollte aus Trotz her, so zumindest pfiffen es die Vögel von den Dächern. Aber klar, der eigentlich erfolgsverwöhnte Hollywood-Heimkehrer hatte in den vergangenen Jahren das Glück nicht auf seiner Seite, da hagelte es Flops und Graupen am Fließband. Da tut ein Erfolg doppelt gut.

Der Schmuddelreporter Ludo (Schweiger) liebt gern, vor allem aber sich selbst. Die Frauenwelt ist da eher Mittel zum Zweck. Feste Bindungen kommen dem Womanizer nicht ins Haus. Auch beruflich läuft es gut, zumindest bis er und sein Fotograf Moritz (Matthias Schweighöfer) die Verlobungsfeier von Yvonne Catterfeld und Wladimir Klitschko sprengen. Dem Knast kann Ludo knapp entrinnen, allerdings muss er in einer Kindertagesstätte soziale Stunden ableisten. Dort begegnet ihm die leicht verpeilte Anna (Nora Tschirner), die Ludo bereits in seiner Kindheit quälte und die sich nun beim arroganten Frauenschwarm revanchieren will. Doch mit der Zeit kommen sich beide näher. Wenn da nur nicht Ludos unbändiger Trieb wäre.

Die Zeit der Flops scheint vorbei, denn mit seiner dritten Regiearbeit „Keinohrhasen“ konnte Til Schweiger mehr als sechs Millionen Besucher in die Kinos locken. Mit einem Titel, der auf den ersten Blick keinen Sinn ergibt, der Name aber auf recht einfache Art und Weise im Film an Bedeutung gewinnt. Schweiger nahm unweigerlich das Zepter in die Hand, denn zugleich übernahm er auch die Hauptrolle. Unzählige Gastauftritte bekannter Showgrößen (Wladimir Klitschko, Christian Tramitz, Yvonne Catterfeld, Jürgen Vogel, Armin Rohde u.v.m.) inklusive. Auch seine vier Kinder brachte er effektiv im Film unter, ein Fotoshooting für einen neuen Kinderkatalog hätte man nicht besser darstellen können. Doch unken muss man nicht einmal, denn gerade in der ersten Hälfte offenbart „Keinohrhasen“ ungeahntes Gagpotenzial.

Til Schweiger nimmt vieles auf die Schippe, auch sich selbst. Witzige Andeutungen und skurrile Momente – man nehme nur Jürgen Vogel als Kinski-Klon – und Gags gibt es zeitweise im Sekundentakt, und diese sitzen vortrefflich. Sei es nun sein eigenes (gescheitertes) Gastspiel in Hollywood oder Verweise auf die hiesige Prominenz, „Keinohrhasen“ drückt von Anfang an mächtig aufs Tempo. Dieses wird erst in der zweiten Hälfte gedrosselt, wenn die Beziehung zwischen Schweiger und Tschirner mehr und mehr in den Vordergrund rückt. Leider offenbart der Film aber auch hier seine größten Schwächen, denn die Wandlung von Schweiger wirkt überhastet und wenig glaubwürdig. Dass ihm das Ruder hier nicht vorzeitig aus der Hand gleitet, hat er vor allem Nora Tschirner („Soloalbum“) zu verdanken. Diese kann kleinere Hänger immer wieder durch Charme und Leidenschaft kaschieren, ihr männliches Pendant steckt sie zudem schauspielerisch locker in die Tasche.

„Keinohrhasen“ ist sicherlich zu recht ein Hit geworden, denn der Film hat eine ganze Menge Humor, witzige Dialoge und charmante Figuren. Die Geschichte selbst ist vorhersehbar, keine Frage. Dies fällt, wenn überhaupt, aber erst gen Ende so richtig auf, wenn die Gagdichte abnimmt und der Film etwas zu schnell zum Ende kommt. Kleinere Schwächen gehören auch zu einem Hit. Dennoch ein mehr als abendfüllender Film.

Wertung: 7 out of 10 stars (7 / 10)

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