Junta (RA/I 1999)

juntaAus der Vogelperspektive schwenkt die Kamera über die Stadt. Die Prozedur wiederholt sich, als ob im urbanen Treiben etwas verborgen läge. Von oben erweckt Buenos Aires den Eindruck von Normalität. Eine Metropole, dicht besiedelt, stets in Bewegung. Unter ihrer Oberfläche pocht das Herz einer Diktatur. Zwischen 1976 und 82, einer Zeit militärischer Herrschaft, existierten in Argentiniens Hauptstadt 365 Konzentrationslager. Versteckt hinter unscheinbaren Namen wie Club Atletico oder Garage Olimpo. Etwa 30.000 Menschen verloren in den illegalen Gefängnissen ihr Leben.

Ein ähnliches Schicksal war auch Marco Bechis beschienen. 1977 wurde er aufgrund opportunistischen politischen Engagements entführt, verhört und gefoltert. Durch das Eingreifen seiner Eltern überstellte ihn das Militär nach Wochen in eine reguläre Haftanstalt. Danach wies man ihn aus. In seinem Film „Garage Olimpo“, in Deutschland unter dem Titel „Junta“ veröffentlicht, rechnet Bechis mit Argentiniens Regime und dessen brutaler Willkür ab. In gebotener Deutlichkeit, gleichsam ohne spekulativen Blick auf die Gräuel des Foltergefängnisses, verarbeitet der Autor und Regisseur („Sons and Daughters“) eigene Erfahrungen. Die psychologische Wucht seiner präzisen Schilderung machen den Film zu einer gewichtigen Anklage gegen politisierte Entmenschlichung.

Am Leidensweg der achtzehnjährigen Studentin Maria (Antonella Costa, „Die Reise des jungen Che“) führt Bechis die Struktur des diktatorischen Regimes vor Augen. Von der Geheimpolizei wird sie in die ehemalige Autowerkstatt Garage Olimpos verschleppt, wo die junge Frau auf Felix (Carlos Echevarría, „A Year without Love“) trifft, den stillen Untermieter ihres herrschaftlichen Elternhauses. Maria ist sein Schwarm, Felix ist ihr Folterknecht. Indem sie sich ihm hingibt, hofft sie zu überleben. Indem er seine Macht ausspielt, glaubt er sie zu besitzen. Sentimentalitäten haben keinen Platz in diesem erschütternden Polit-Drama. Während Marias Mutter (Dominique Sanda, „Die purpurnen Flüsse“) den Staatsapparat nach dem Verbleib der Tochter durchläuft, nährt Bechis die Hoffnung. In einem aufwühlenden Finale lässt er sie ins Bodenlose stürzen.

Unscheinbar wie die karge Außenmauer der Garage Olimpo sind auch die dort waltenden Regimeexekutiven. Junge Männer, kaum älter als Maria. Zwischen Folter und Formular vertreiben sie sich die Zeit mit Tischtennis. Die Stechuhr vor und nach jeder Dienstzeit ist ein Zeichen bürokratischer Verdichtung. Gemessen an der eigenen Vergangenheit sollte gerade dieser Wesenszug dem deutschen Publikum erschreckend bekannt vorkommen. Die Wiederholung der Geschichte lässt das von „Junta“ gesetzte Zeichen noch an Deutlichkeit gewinnen. Selbst wenn ein Ende staatlicher Willkürherrschaft nicht mehr als ein ferner Traum ist.

Wertung: 8 out of 10 stars (8 / 10)

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