Joel Alme – Waiting for the Bells (2010, Razzia Records)

Liebe schmerzt. Auch wenn es der Titel von Joel Almes zweitem Album „Waiting for the Bells“ nicht unverzüglich offenbart. Aber das Warten auf die (Hochzeits-)Glocken nimmt im Kontext der elf Stücke fast schon destruktive Züge an. Nun ist es nicht so, als wäre der Kopenhagener der Liebe dermaßen überdrüssig, dass er sie gleich in Grund und Boden verdammen müsste. Dennoch hängt seinen musikalischen Ausführungen eine grundlegende unterschwellige Traurigkeit nach. Textzeilen wie „You remember the good times / But the good times don’t remember you“ oder – noch deutlicher – „Hand in hand you’re mine / But you always leave a finger waiting“ sprechen mit der steten Relation des ‘aber’ eine deutliche Sprache.

Der Sänger scheint gebrochen und enttäuscht. Doch wirkt sich das glücklicherweise nicht negativ auf seine kreative Ader aus. Denn die von Mattias Glavå (THE SOUNDTRACK OF OUR LIVES) herrlich anachronistisch produzierte Platte ist ein schieres Füllhorn begeisternder Popmusik. Deren Wurzeln reichen zurück bis in die Neunzehnsechziger, als Big Band- und Orchester einfach zum guten Ton gehörten und Frauen noch mit ´Darling´ besungen wurden. „Waiting for the Bells“ hält sich mit dem Einsatz instrumentaler Ressourcen wahrlich nicht zurück. Hier türmen sich Streicher auf, dort erhält das überschäumend romantische Pathos von Piano oder Saxophon den Ritterschlag.

Diese brillante instrumentale Retrospektive belebt den schwelgerischen Sound der Vergangenheit ohne jeden Reibungsverlust wieder. Selbst bei der überschaubaren Länge der einzelnen Schmachtfetzen, die nur im Ausnahmefall die Hürde von drei Minuten überwinden. Gänzlich auserzählt werden die Stücke trotzdem, wie bei den unvergesslichen Klassikern, denen sich hier mit verblüffender Selbstverständlichkeit genähert wird. Der Nostalgiefaktor ist immens. Nur würde er allein nicht der Qualität des Songschreibers Alme gerecht werden, der sich rigoros über Zeitgeist und Trends hinwegsetzt und mit großem Geschick zu einer Zeitreise ins verwundete Herz des Liebenden einlädt. Eine meisterliche Platte, die als Kopfkino (auch mal in Schwarz-Weiß) Kunststück und Kunstwerk zugleich ist!

Wertung: (8,5 / 10)

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