James Bond 007: Spectre (USA/GB 2015)

007-spectre„Welcome, James. You’ve come across me so many times, yet you never saw me. What took you so long?“ – Franz Oberhauser

Für Daniel Craig ist James Bond zur Paraderolle geworden. Der 47-jährige hat dem Doppelnullagenten mit Faible für geschüttelte Martinis eine Zerrissenheit gegeben, die unter seinen Vorgängern kaum vorstellbar schien. Aus dem smarten Saubermann mit der Lizenz zum Töten ist ein unberechenbarer Draufgänger geworden, der für die persönliche Rache direkte Befehle missachtet und bevorzugt auf eigene Faust agiert. So auch in „Spectre“, Craigs viertem Einsatz als 007. Die Erwartung schraubte sich nach dem sensationellen Erfolg von „Skyfall“ (weltweites Einspiel: 1,1 Mrd. US-Dollar) in immer neue Höhen. Die Macher um den wiederum als Regisseur verpflichteten Oscar-Preisträger Sam Mendes („American Beauty“) reagierten rasch – und bewiesen bereits mit dem Titel beachtliches Geschick.

Denn SPECTRE, jenes erpresserisch-terroristische Geheimkonglomerat, setzt die mit „Casino Royale“ begonnene Rückbesinnung auf die klassischen Geschichten von Bond-Erfinder Ian Fleming fort. Überdies wurde unter Fans die Hoffnung auf eine Rückkehr von Erzbösewicht Ernst Stavro Blofeld geschürt. Der Glatzkopf mit weißer Katze im Schoß machte 007 in der Vergangenheit wiederholt das Leben schwer, wurde unter anderem von Donald Pleasance und Telly Savalas verkörpert, und zählt – hinter Auric Goldfinger – zu den beliebtesten Schurken des Bond-Universums. Dass die Qualität der Reihe stark von der Besetzung der Bösewichter abhängt, ist hinlänglich bekannt. Umso größer ist der Coup zu bewerten, den zweifachen Oscar-Preisträger Christoph Waltz („Django Unchained“) als Unmenschen Franz Oberhauser zu besetzen. Aber ist er Blofeld? Die Frage, soviel sei verraten, wird eindeutig beantwortet.

Aber SPECTRE (oder S.P.E.C.T.R.E.), was für „Special Executive for Counter-Intelligence, Terrorism, Revenge and Extortion“ steht, reflektiert auch ungeachtet dieses Rückgriffs auf klassische Muster den alten Glanz jener Ära, in der Sean Connery als 007 zur Kultfigur avancierte. Damit einher geht neben Licht aber auch Schatten. Denn mit der Verkörperung durch Craig stand Bond plötzlich für eine fast revolutionäre Abkehr von bewährten Standarten der Serie. Die blitzt auch in „Spectre“ auf, nicht selten ironisch unterfüttert, steht mehr als in den drei Vorgängern aber auch Kintopp gegenüber, das sich bevorzugt haltloser Übertreibung hingibt. Eine der besten Szenen widerstrebt diesem Rückfall in die Zeiten von Roger Moore: der ruppige und wenig stilisierte Zweikampf zwischen Bond und dem hünenhaften Killer Hinx (Dave Bautista, „Guardians of the Galaxy“) in einem fahrenden Zug, bei dem der oft unzerstörbar wirkende MI6-Agent seinen Meister zu finden scheint.

Der Auftakt zeigt Bond in Mexiko, wo er beim „Tag der Toten“ auf eigene Rechnung Chaos stiftet und zu einem spektakulären wie meterdick aufgetragenen Helikopterflug ausholt. Dabei heraus springt ein Ring mit Oktopus-Symbol, der ihn über die Beerdigungszeremonie seines vormaligen Trägers – und durch das Bett der Witwe (Monica Bellucci, „Shoot `Em Up“) – auf die Spur von SPECTRE bringt. Mit Organisationsvorstand Oberhauser verbindet ihn eine gemeinsame Vergangenheit. Um deren Hintergründe zu beleuchten, entzieht er sich der Kontrolle des Vorgesetzten M (Ralph Fiennes, „Grand Budapest Hotel“) und kann in der Ferne lediglich auf die Unterstützung von Moneypenny (Naomie Harris, „Southpaw“) und Technik-Geek Q (Ben Whishaw, „Cloud Atlas“) bauen. Als Schlüssel entpuppt sich Madeleine Swan (Léa Seydoux, „Mission Impossible: Phantom Protokoll“), die Tochter von Bonds altem Widersacher Mr. White (Jesper Christensen, „Ich und Kaminski“).

Während er mit ihr nach Marokko reist, plagen M in der englischen Heimat andere Sorgen: Polit-Emporkömmling Max Denbigh („Sherlock“-Widersacher Andrew Scott) arbeitet an der internationalen Vernetzung diverser Geheimdienste und erklärt das Doppelnull-Programm zum Auslaufmodell. Dass die Handlungsstränge durch das Zutun von SPECTRE am Ende zusammenlaufen, versteht sich von selbst. Höhepunkt des Films bleibt aber nicht der immense Actionaufwand (das Budget soll den Rahmen von 300 Mio. Dollar gesprengt haben), sondern der herrlich fiese Christoph Waltz. Der kommt spät, aber gewaltig und beweist seine Brillanz durch einen doppelbödigen Mix aus unscheinbarer Freundlichkeit und abgründiger Boshaftigkeit. Die in „Skyfall“ ausgeschiedene Judi Dench („Best Exotic Marigold Hotel“) schaut kurz per posthumer Videobotschaft vorbei, der Rest ist mal bombastisch, mal banal, trotz simpler Story bisweilen unnötig gedehnt und für Fans trotzdem eine sichere Bank. Ein guter, wenn auch wenig herausragender „Bond“.

Wertung: (7 / 10)

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