J. Edgar (USA 2011)

jedgarJohn Edgar Hoover (1895 – 1972) ist eine der bekanntesten und zugleich umstrittensten Figuren der jüngeren amerikanischen Geschichte. Er war Vorreiter der organisierten Verbrechensbekämpfung und gründete die nationale Sicherheitsbehörde FBI, deren Direktor er bis zu seinem Tode blieb. Daneben aber sagte er Kommunisten und Bürgerrechtlern den Kampf an, wetterte gegen die afroamerikanische Gleichheitsbewegung und sprach sich offen gegen die Auszeichnung Martin Luther Kings mit dem Friedensnobelpreis aus. Hollywood-Altstar Clint Eastwood („Million Dollar Baby“) hat dem polarisierenden Eigenbrötler eine Filmbiographie gewidmet, in der er sich mehr für den Mann als dessen Wirken interessiert.

Eastwoods Inszenierungsstil war nie exaltiert – und entsprechend gelassen blickt er auch auf das Leben Hoovers. Das Bemühen um eine nüchterne Tonalität bleibt spürbar, wertende Tendenzen lassen sich aber naturgemäß nicht vollends aussparen. In der Hauptsache allerdings überlässt der vierfache Oscar-Preisträger dem stark aufspielenden – und über Hoovers Lebensweg ebenso sehenswert geschminkten – Star Leonardo DiCaprio („The Departed“) das Feld. Er verkörpert Hoover als von steten Selbstzweifeln geplagten Einzelgänger, dessen unbedingter Wille und geschickte politische Manipulationen seinen Einfluss festigen und über die Jahre mehren.

1924 übernimmt er die Leitung des durch Korruption in Misskredit geratenen BOI (Bureau of Investigation) und formt daraus das FBI (Federal Bureau of Investigation), einen effektiven, schlagkräftigen und über die Grenzen der Bundesstaaten hinausreichenden Polizeiapparat. Hoover fördert Tatort- und Beweissicherung, konzipiert die zentrale Sammlung von Fingerabdrücken und führt die Forensik ein. Allerdings weisen seine Methoden immer wieder in Richtung eines Überwachungsstaates. Er selbst lässt belastendes Material gegen Staatsanwälte und Präsidenten von seiner Vertrauten und Sekretärin Helen Gandy (Naomi Watts, „Fair Game“) in einer geheimen Akte sammeln.

Die enge Bindung zu seinem Stellvertreter Clyde Tolson (Armie Hammer, „The Social Network“) weckt den Verdacht, er sei homosexuell. Einen Beweis gab es nie, was Eastwood jedoch nicht davon abhält, der Mutmaßung nachzugeben und die beiden als Paar darzustellen. Dessen Zusammenhalt droht durch Hoovers mangelnde Selbstsicherheit zu zerbrechen. Das mag spekulativ erscheinen, hilft dem Film aber bei der Ausleuchtung der inneren Zerrissenheit seiner Hauptfigur. Erzählerisch springen Eastwood und Autor Dustin Lance Black („Milk“) zwischen den Zeiten. Als roter Faden dienen Hoovers an verschiedene Agenten diktierte Erinnerungen seines Karriere- und Lebensweges.

Eastwoods Qualitäten als Regisseur zeigen sich neben elegant verschmelzenden, Jahre überbrückenden Szenenwechseln einmal mehr vor allem bei der Schauspielerführung. Ein weiteres Meisterwerk fügt er seiner Vita zwar nicht zu, doch bleibt „J. Edgar“ trotz sprunghafter Erzählung und einer gewissen Langatmigkeit vor allem wegen Leonardo DiCaprios famosem Spiel sehenswert. So bleibt die kinematographisch aufbereitete Biographie J. Edgar Hoovers Schauspielkino mit Niveau und Anspruch. Pflichtprogramm ist der fast zu verschachtelt erzählte Film aber wohl nur für Wertschätzer dezent sperriger Kost.

Wertung: (7 / 10)

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