Intimate Enemies – Der Feind in den eigenen Reihen (F 2007)

intimate-enemiesOffiziell ist der Kampfeinsatz in Algerien kein Krieg. Die französischen Truppen sollen lediglich die Ordnung im kolonial einverleibten Land wiederherstellen. Aus dem Munde des desillusionierten Sergeanten Dougnac (Albert Dupontel, „Mathilde – Eine große Liebe“) klingt diese Bestandsaufnahme zynisch. Kurz zuvor wurde eine Gruppe Widerstandskämpfer bei einem Bombardement ausgelöscht. Der Krieg, der offiziell nicht stattfindet, ist einer gegen den Terror. Von 1954 an kämpften algerische Freischärler für die Unabhängigkeit ihrer Heimat. Dass diese früher oder später siegen würden, weiß auch Dougnac. Nur eingestehen will er es nicht. Denn es würde dem unmenschlichen Sterben die Rechtfertigung rauben.

Die Suche nach einem Rebellenführer heiligt die Mittel von Mord und Marter. Das erinnert an die Gegenwart, an Afghanistan, den Irak und die immer gleichen Bilder von Tod und Zerstörung aus den Abendnachrichten. Nur die Zeit, die „Hostage“-Regisseur Florent Emilio Siri im bitteren französischen Anti-Kriegsfilm „Intimate Enemies“ durchleuchtet, ist eine andere. Was bleibt ist die Bedeutung, mehr noch die Deutung an sich. Der Film ist eine Anprangerung martialischer Unsinnigkeit und ein szenisches Pamphlet gegen imperialistischen Stolz und die Verteidigung der eigenen Freiheit in der (annektierten) Fremde. Das wirkt nach. Auch wegen der eindringlichen Darstellerleistungen.

Das erste Opfer ist die Menschlichkeit. Zur eigenen Sicherheit streifen die Soldaten sie ab. Auch zu der ihrer Kameraden, wenn der Tod von Zivilisten, hinter deren Fassade sich immer auch der Feind verbergen kann, billigend in Kauf genommen wird. Der junge Offizier Terrien (Benoît Magimel, „Crime Insiders“), der 1959 Befehlshaber eines Außenpostens im Sperrgebiet wird, ist ein Idealist, der seiner Nation treu zu dienen gedenkt, ohne seine moralischen Wertvorstellungen zu begraben. Doch auch ihn wird der Krieg verändern. Dougnac, dem jedes Mittel zur Aufspürung des unsichtbaren Feindes Recht erscheint, ist ihm zuwider. Lange aber kann auch er sich seinen Methoden nicht entziehen.

Siris Film hat nichts mit Heldenverehrung gemein. Die Vergleiche mit Oliver Stones „Platoon“ kommen nicht von ungefähr. Auch hier wird ein junger Idealist im Krieg um seine Werte betrogen. Ruhm erwartet weder ihn, noch seine Kameraden. Gestorben wird dreckig, dankbarerweise aber ohne explizite Blutbäder. Der Blick auf Protagonisten und Handlungen bleibt differenziert, womit eindrucksvoll die Sinnlosigkeit eines Krieges herausgearbeitet wird, der von französischer Seite erst 1999 als solcher Anerkannt wurde. Algerien erlangte 1962 seine Unabhängigkeit zurück. Den hohen Preis dafür zahlte eine halbe Millionen Opfer. Und in deren Gedenken spiegeln sich auch die Gräuel der Gegenwart wider.

Wertung: (8 / 10)

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