Inside WikiLeaks – Die fünfte Gewalt (USA/B 2013)

insidewikileaks„Two people and a secret: the beginning of all conspiracies. More people and more secrets. But if we could find one moral man, one whistleblower, someone willing to expose those secrets, that man can topple the most powerful and most repressive of regimes.“ – Kämpferisch: Julian Assange

Wie viel Wahrheit verträgt ein Film, der die Charakterisierung eines notorischen Staatsfeindes zum Mittelpunkt erhebt? Eine einfache Antwort ist nicht zu erwarten. Das Medium ist so lange differenziert, wie es ihm nutzt. Denn im Vordergrund stehen Profit und nicht zuletzt der Drang, eine spannende Geschichte erzählen zu müssen. Für nüchterne Fakten ist da meist wenig Platz. Welche Macht das Kino noch immer hat, zeigt sich an „The Fifth Estate“, der neben der Arbeitsweise auch das Wesen von WikiLeaks-Gründer Julian Assange ergründet. Mit bitterem Beigeschmack.

WikiLeaks, jene von (imperialistischen) Staaten, Großkonzernen und Finanzgesellschaften gefürchtete Enthüllungsplattform, bietet Whistleblowern ein anonymes Forum, um Verfehlungen aller Art per Dokumentbeweis publik zu machen. Dass die Informanten dabei trotzdem in die Schusslinie geraten können, zeigt der Fall Bradley Manning. Der Ex-Soldat brachte die US-Regierung in akute Erklärungsnot, indem er brisante Informationen über Folter und die Tötung von Zivilisten in Afghanistan kopierte. Manning wurde nach einem Teilgeständnis im Juli 2013 zu 35 Jahren Haft verurteilt. Als moderne Form des investigativen Journalismus geriet in diesem Kontext auch WikiLeaks unter Beschuss.

Der von Oscar-Preisträger Bill Condon (ausgezeichnet für sein Skript zu „Gods and Monsters“) kompetent gefertigte Mix aus Thriller und Drama ist nur zu offenkundig Teil dieser Strategie. Die amerikanisch-belgische Co-Produktion wurde von Hollywood-Major DreamWorks (mit Vertriebspartner Disney) realisiert. Als Quelle stützt sich der Film auf zwei Bücher, die Sachverhalte laut Assange einseitig und verfälscht wiedergeben. Das eine stammt von den britischen Journalisten David Leigh und Luke Harding, das andere von Daniel Domscheit-Berg, der WikiLeaks ab 2007 mit Assange ausbaute, sich später aber mit ihm überwarf.

Auf diese Entwicklung geht „Inside WikiLeaks“, so der an Domscheit-Bergs Buch angepasste deutsche Titel, weitschweifig ein. In der ersten Hälfte ist das durchaus fesselnd, wenn auch inszenatorisch übertrieben erzählt. Die metaphorische Veranschaulichung des investigativen Netzwerks mit freischwebenden Halogenleuchten wirkt schlicht albern und statt Coca-Cola scheinen diesmal Produktplatzierungen von Club Mate das Budget aufgefrischt zu haben. Aber die Rechnung geht erst einmal auf unterhaltsame Weise auf. Sein wahres Gesicht entblößt der Film erst gegen Ende, wenn sich die Macher in plumpe Verunglimpfung mit fragwürdig propagandistischer Note ergehen.

In Berlin lernen sich Assange („Sherlock“-Star Benedict Cumberbatch) und Domscheit-Berg (Daniel Brühl, „Die fetten Jahre sind vorbei“) kennen. Der blonde Australier, Weltreisender, Aktivist, Intellektueller, zieht den deutschen IT-Spezialisten rasch in seinen Bann und gewinnt ihn als Unterstützer. Gemeinsame Enthüllungserfolge lassen nicht lange auf sich warten. Doch Assange, der WikiLeaks lebt, entblößt hinter der charismatischen Fassade Züge eines manipulativen Egomanen. Das Zerwürfnis folgt, als sie mit Hilfe des britischen Guardian (u.a, vertreten durch David Thewlis, „Anonymus“) die medienwirksame Veröffentlichung von mehr als einer halben Millionen Dokumente des US-Geheimdienstes planen und Assange Menschenleben über Medienerfolg stellt.

Das ruft mahnende Regierungsvertreter auf den Plan – an vorderster Front mühen sich Laura Linney („The Big C“), Stanley Tucci („Margin Call“) und Anthony Mackie („Gangster Squad“) –, die Lebensgefahr für einheimische Kollaborateure in verschiedenen Krisengebieten und Nahoststaaten zu minimieren versuchen. Auf der einen Seite steht Assange, der Enthüller, der den Mächtigen ein Bein stellt und ihre Verfehlungen an die Öffentlichkeit trägt. Dies soziale Rebellentum, an dem als Hacker auch Moritz Bleibtreu („Schutzengel“) beteiligt ist, billigt der Film, so lange nur Banken an den Pranger gestellt werden. Ein Ende hat der Spaß mit dem Gesichtsverlust der Amerikaner und entsprechend polemische Kaliber fährt Condon auf – vor allem bei der dramatischen Flucht einer Quelle aus Libyen.

Dass Assange ein eigenwilliger und bisweilen streitbarer Zeitgenosse ist, lässt sich auch ohne diese quasi-fiktive Biographie anhand seiner sonstigen Außendarstellung erahnen. Die einseitige Leinwandfigurierung  schien jedoch selbst dem groß aufspielenden Benedict Cumberbatch nach Fertigstellung zwiespältig. Dass Wahrheitsbeugung Teil des Tagesgeschäfts jeder Filmwirtschaft ist, sollte kaum überraschen. Zum Stilmittel erhob dies etwa „The Social Network“. Über dessen Klasse verfügt „Inside Wikileaks“ aber lediglich bei der Besetzung der Hauptrolle. Und dass mit dem erdachten finalen Interview Assanges in der Ecuadorianischen Botschaft  in London jede Kritik gleich eigenmächtig abgeschmettert wird, macht die Intention nur umso fadenscheiniger.

Wertung: (5 / 10)

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