In the Cut (USA/AUS 2003)

in-the-cutAls strahlendes Herzchen Hollywoods gelangte Meg Ryan zu Weltruhm und ging durch die wohl meist zitierte Orgasmusvortäuschung der Filmgeschichte in die Annalen des Kinos ein. Doch sind seit Rob Reiners umwerfender Kult-Komödie „Harry und Sally” mittlerweile 15 Jahre vergangen. Eine Zeitspanne, in der Meg Ryans Stern mit jedem Versuch, sich von ihrem perlweißen Sauberfrau-Image zu distanzieren, sank. Sei es als zwanghafte Trinkerin in „When a Man Loves a Woman”, die Frau an der Seite Jim Morrisons in „The Doors” oder als vermeintliche Kriegsheroine in „Courage Under Fire”, mehr als müde belächelte Achtungserfolge bescherten der heute 43-jährigen derlei Ausflüge ins Charakterfach nicht. Daran dürfte auch das unterkühlte Thriller-Drama „In the Cut” wenig ändern, das eine ungewohnt freizügige Meg Ryan neuerlich vorgetäuschte sexuelle Höhepunkte simulieren lässt. Doch pflegt die charmante Aktrice im koitalen Fahrwasser des kunstvoll verschachtelten Whodunnit-Plots lediglich den mühselig erarbeiteten Status einer zuverlässigen Flopgarantin.

Das leidige Singledasein hat die vereinsamte Literaturprofessorin Francis Avery (Meg Ryan) in eine desillusionierte Intellektuelle mit liebenswertem Hang zum Sarkasmus verwandelt. Ihre Halbschwester Pauline (Jennifer Jason Leigh, „eXistenZ”) begegnet dem Alleinsein auf denkbar radikalere Weise, indem sie einem praktizierenden Mediziner mit amourösen Guerillamanierismen zu Leibe rückt. Doch beschert ihr dies romantisch motivierte Eindringen in die Privatsphäre des Arztes einzig einen Termin vor Gericht. Als in Frannies Vorgarten der abgeschnittene Kopf einer bestialisch ermordeten Frau aufgefunden wird, tritt unvermittelt der italoamerikanische Polizist Giovanni Malloy (Mark Ruffalo, „Collateral”) in ihr Leben. Obwohl Frannie dem anmaßenden Ermittler bei den Untersuchungen des Falles kaum behilflich sein kann, erregt der arrogante Schnauzbartträger ihr erotisches Interesse.

Es entspinnt sich eine glühende Affäre, die schon bald von der finstren Realität weiterer Morde eingeholt wird. In immer kürzeren temporären Zyklen schlägt der perverse Serientäter zu, immer näher kommt der wahnsinnige Killer dabei dem Umfeld Frannies. Schon bald steht die verunsicherte Pädagogin vor der erschreckenden Erkenntnis, dass die Identität des schuldigen selbst im Kreise ihrer Bekannten zu suchen ist. Könnte Frannies eigener Student Cornelius Webb (Sharrieff Pugh) der Täter sein, der sich mit zunehmender Aggressivität ins Privatleben seiner Mentorin drängt? Oder der durch stete Einsamkeit innerlich verkümmerte und an den Rand der Verwahrlosung getriebene Phobiker John Graham (Kevin Bacon, „Wild Things”), zu dem Frannie eine kurze Beziehung pflegte? Oder ist es am Ende gar der undurchsichtige Detective Malloy selbst?

Mehr obsessive Charakterstudie als geradliniger Thriller, sträubt sich die Oscar-Prämierte Regisseurin Jane Campion („Das Piano”) auch mit „In the Cut” zumeist erfolgreich gegen gängige Schemata des Genrekinos. Nach schwelgerischer Auftaktsequenz zu den Klängen von China Forbes „Que Sera” taucht der Film unverzüglich ein in die vertrackte Problemwelt seiner gebeutelten Figuren. Geprägt von exzellenter Bebilderung zwischen stummer Observation und verhaltenem Voyeurismus, malerischen Schwarz/Weiß-Blenden und allgegenwärtigen Unschärfen, verharrt Dion Beebes („Chicago”) rastlose Kamera lediglich in ausgesuchten Momenten der Statik. Das Element der Nacktheit präsentiert Campion einmal mehr als visuelles Stilmittel, nicht wie seit Verhoevens „Basic Instinct” üblich als reißerische Ode an Tabubrüche und kommerzielle Lockreize.

Auf der Grundlage des gleichnamigen Romans von Susanna Moore, die in Kooperation mit Jane Campion auch das Drehbuch verfasste, kreiert der von Nicole Kidman produzierte Film eine eigentümliche Aura der Verzweiflung. Zwischen Penetration und Dekapitation wandeln die rastlosen Seelen der Protagonisten durch einen undurchsichtigen Moloch aus Schein und Sein. Die wortreiche, exzellent gespielte, Durchleuchtung der spröden Charaktere – mit dem namentlich nicht genannten Kevin Bacon als heimliche Klimax – entschädigt in stilvoller Interaktion mit der herausragenden Fotografie für halbgare Suspense-Exkursionen und das in aller Unaufdringlichkeit zerfahrene Finale, das in seiner schlampig erdachten Banalität wahrlich Maßstäbe setzt. So thront auch über „In the Cut” die stumme Erkenntnis, dass Meg Ryan eindeutiger darstellerischer Wandlungsfähigkeit zum Trotze im Komödienfach weitaus behüteter aufgehoben ist.

Wertung: (6 / 10)

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