Immortel (ad vitam) (F/I/GB 2004)

immortal-ad-vitam„Children, my human children, I am back.“

New York im Jahre 2095. In den Straßenschluchten der gigantischen Megalopolis treibt ein vermeintlicher Serienmörder sein Unwesen, der seine Opfer förmlich explodieren lässt. Senator Kyle Allgood äußert sich besorgt, stehen doch bald Wahlen ins Haus. Zudem schwebt eine mysteriöse Pyramide über Manhattan, die der gesamten Stadt Rätsel aufgibt. Die Ermittlungen des Cyborg-Cops Froebe laufen ins Leere. Dabei steckt hinter den Vorfällen ein göttliches Ränkespiel: Weil der falkenköpfige Gott Horus nach einer Frist von sieben Tagen seine Unsterblichkeit verlieren soll, plant dieser, seinem Schicksal mit einer List zu entrinnen.

Die junge Jill (Linda Hardy, „Recto/Verso“), rätselhafte Mutantin mit hellem Teint und blauen Haaren, soll sein Kind austragen, um Horus ewigen Fortbestand zu garantieren. Zu diesem Zweck bemächtigt sich die Gottheit des Körpers des politischen Gefangenen Nikopol (Thomas Kretschmann, „Der Pianist“). Während der göttliche Plan zu gelingen scheint, kommen sich die benutzten Figuren Jill und Nikopol auch emotional näher. Doch zieht Horus’ menschlicher Wirt die Aufmerksamkeit von Politik und Wirtschaft auf sich, die gleichermaßen ihre Häscher entsenden, um den einstigen Revolutionär zu fassen.

Basierend auf seinem eigenen Comic-Zyklus „Alexander Nikopol“ verfasste Enki Bilal zusammen mit Serge Lehman ein Drehbuch. Drei Jahre arbeitete der Zeichner und Regisseur („Bunker Palace Hotel“, „Tykho Moon“) mit Produzent Charles Gassot („Das Leben ist ein langer, ruhiger Fluß“, „Wahnsinnig verliebt“) an dem ambitionierten Projekt, das am Ende mehr als 20 Millionen Euro verschlingen sollte. Zum Teil hat sich dieser immense Aufwand gelohnt, ist „Immortel (ad vitam)“ doch einer der ersten Spielfilme, dessen Hintergründe ausschließlich am Computer entstanden. Die Darsteller waren somit gezwungen, all ihre Szenen vor Greenscreens zu absolvieren.

Das perfekt animierte Stadtbild des futuristischen New York erinnert stark an Luc Bessons Zukunftsvisionen aus „Das fünfte Element“, der Ansatz der ungewöhnlichen Geschichte an Ridley Scotts „Blade Runner“. Trotz der Nähe zum fantastischen Film akzentuiert Bilal in erster Linie eine komplizierte und inhaltlich verschlungene Liebesgeschichte. Das originelle Konzept findet in einer unkonventionellen weil optisch unausgewogenen Inszenierung ihre Umsetzung. Denn die visuellen Schöpfungen stoßen beim Zusammenspiel von menschlichen und generierten Akteuren an ihre Grenzen.

Beinahe die Hälfte der Darsteller stammt aus dem Rechner. Das größte Manko des Films offenbart sich entsprechend in deren Gestaltung, gab es doch bereits Mitte der Neunziger eindrucksvollere Figurierungen in Zwischensequenzen mancher PC- und Konsolenspiele zu bestaunen. Selbst wenn man sich schnell mit dem kontrastartigen Stil vertraut macht, eine Einheit bildet das Wechselspiel aus menschlichen und künstlichen Protagonisten nie. Die anspruchsvolle Geschichte der visionären Science-Fiction-Mär steht der optischen Sinnesüberflutung streckenweise eher hilflos gegenüber, was in der Hauptsache dem elegischen Handlungsaufbau geschuldet bleibt.

Vom morbiden Fantasy-Thriller läuft Enki Bilal zur subtilen Liebesgeschichte über und garniert die eigentümliche Dramaturgie durch ein nüchtern jeglicher Konvention trotzendes Finale. Die realen Schauspieler überzeugen dabei durchweg, allen voran der Export-Deutsche Thomas Kretschmann – der bald als Schiffskapitän in Peter Jacksons „King Kong“-Remake zu sehen sein wird – verleiht der Figur des Nikopol die erforderliche Tiefe. Was ein actionlastiger Effektoverkill hätte werden können, entpuppt sich als schwelgerische Ode an die Liebe, wie gleichwohl eine formal oft unbefriedigende Sci-Fi-Utopie. Den Nerv eines Massenpublikums wird dieser außergewöhnliche Film definitiv nicht treffen.

Wertung: (6 / 10)

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