I Saw the Devil – Rache ist ein tiefer Abgrund (ROK 2010)

i-saw-the-devilWie viel menschlicher Abgrund ist möglich bzw. ertragbar? Geht es nach dem koreanischen Regisseur Ji-Woon Kim, dann wurde mit der Figur des Kyung-chul – beängstigend und unberechenbar: Min-sik Choi („Oldboy“) – die Antwort darauf gefunden. Nach seinem düsteren Gangsterdrama „A Bittersweet Life“ und der überdrehten Western-Hommage „The Good, the Bad, the Weird“ widmet sich der Filmemacher nun dem Genre der Serienkiller. Dabei geht er deutlich weiter als die Konkurrenz aus Hollywood, was sich jedoch nicht nur auf die Gewalt bezieht.

Feinfühlig geht der Serienmörder Kyung-chul (Min-sik Choi) mit seinen Opfern nicht um. Er demütigt sie, vergeht sich an ihnen und lässt sie in Stücken zurück. Wie am Beispiel der jungen Ju-yeon (San-ha Oh), die mit ihrem Wagen in einer verschneiten Nacht liegen bleibt und in die Fänge des Killers gerät. Die Warnungen ihres Verlobten, dem Agenten Soo-hyun (Byung-hun Lee), via Telefon kommen zu spät. Soo-hyun schwört Rache und ist bereit, dafür bis zum Äußersten zu gehen. Mehrere Verdächtigte kommen in Frage, doch schnell kommt er dem nicht sonderlich vorsichtig agierenden Kyung-chul auf die Schliche. Statt ihn schnell zu töten, dreht Soo-hyun den Spieß herum. Er verfolgt und demütigt seinen Kontrahenten, der anfangs nicht genau weiß, wie er mit der Sache umgehen soll und er später das Blatt grausam wendet.

Verweise auf einige Hollywood-Klassiker sind gewollt, lassen die Traumfabrik aber auch gleich wie einen Kindergeburtstag erscheinen. Ji-woon Kim drückt von Anfang an aufs Tempo und nimmt sich nur beiläufig Zeit, die Protagonisten einzuführen. Die Rollenverteilung ist klar, zumindest im Falle von Min-sik Choi. Als personifiziertes Grauen kennt er weder Mitleid noch Scheu. Er tötet beiläufig und selbstverständlich. Die Sympathien müssten demnach bei seinem Kontrahenten Byung-hun Lee („A Bittersweet Life“) liegen. Dessen Vorgehensweise wirkt im ersten Augenblick nachvollziehbar, doch auch er ordnet während seiner Hetzjagd andere Menschenleben dem Zweck seiner Mission unter, so dass auch sein Charakter mehr in einer Grauzone angesiedelt ist. Seinen Rachefeldzug begeht er ohne große emotionale Regungen, was sich erst in bewegenden Bildern in den letzten Sekunden des Films entlädt.

Manches mag man Ji-woon Kim negativ ankreiden. Vor allem der beiläufig und für die Handlung kaum nötige Menschenfresser wirkt mehr als Seitenhieb auf „Das Schweigen der Lämmer”, als dass er der Geschichte nützt. Auch die Taxifahrt, bei der noch zwei weitere Serienkiller blutig auf der Strecke bleiben, mag nicht wirklich in den Kontext passen. Mit ironischen Bemerkungen nimmt der Regisseur dem Film in diesen Szenen allerdings jede Ernsthaftigkeit, so dass diese Aspekte kaum haften bleiben. Zahlreiche Morde, mitunter brutal und blutig, dazu seelische Folterungen und Demütigungen, sind von Anfang an zu sehen. Doch der Zuschauer wird nicht zum Genießer der Gewalt gemacht. So schnell und unverblümt sie kommt, genauso endet sie oder die Kamera blendet aus. Nicht immer, wie die Szene mit dem Skalpell zeigt, doch sie rückt bei aller Brutalität nicht in den Vordergrund.

„I Saw the Devil“ zeigt gleichzeitig die Wucht und die Eleganz des fernöstlichen Films. Mit Hollywood ist das kaum vereinbar, denn dort gibt es meist nur dieses oder jenes. Der Film ist spannend, dazu superb gespielt, visuell überzeugend und voller Abgründe. Ein an Intensität kaum zu überbietender Alptraum.

Wertung: 8.5 out of 10 stars (8,5 / 10)

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