Hunger (GB/IRL 2008)

hungerDer Körper als Waffe, der Freitod als politisches Druckmittel. „Hunger“ dokumentiert das qualvolle Sterben des IRA-Aktivisten Bobby Sands. 1977 wurde er in Her Majesty’s Prison Maze, jenem auch als H-Blocks zu trauriger Berühmtheit gelangten Gefängnis nahe Belfast, eingesperrt. Die dort inhaftierten Paramilitärs wurden von der britischen Regierung nicht als politische Häftlinge eingestuft und auch nicht mit den für Kriegsgefangene in der Genfer Konvention verankerten Sonderbehandlungen (u.a. die Erlaubnis, Zivilkleidung tragen zu dürfen) bedacht. Das führte bereits ab 1976 zum offenen Protest.

In seinem Regiedebüt zeichnet Foto- und Filmkünstler Steve McQueen nicht allein den selbst auferlegten Leidensweg des Bobby Sands (Michael Fassbender, „Eden Lake“) nach, der im Mai 1981 nach 66 Tagen des Hungerstreiks starb. Er entwirft vielmehr ein erschütterndes historisches Mosaik über terroristischen Freiheitskampf und staatliche Repression. Dokumentarisch, mit starren Kameraeinstellungen und ohne klare dramaturgische Linie, fängt er, frei von Wertung und Parteiergreifung, das politische Klima jener Zeit ein. Seine Bühne ist das HM Maze, die Protagonisten sind, neben Sands, IRA-Kämpfer, Wärter und Geistliche.

In ungeschönten Bildern eröffnet sich, ausgehend von der Inhaftierung Davey Gillens (Brian Milligan, „Der Boxer“), der Abstieg in eine Hölle aus Martyrium, Folter und kompromissloser politischer Ideologie. Entscheidend ist die Vermittlung der eigenen Anliegen an die Öffentlichkeit. Die Häftlinge wollen Druck auf die konservative Regierung, ab 1979 unter Führung Margaret Thatchers, aufbauen und verweigern sich dem Regelwerk „gewöhnlicher“ Gefangener. Nackt, lediglich in schmutzige Laken gehüllt, vegetieren sie in ihren Zellen, deren Wände rundum mit Fäkalien beschmiert sind.

Die Vermittlung des täglichen Kampfes bekräftigt McQueen über die drastische Herausstellung von Sinneseindrücken. Beim hervorragenden Einstieg zeigt er Gefängniswärter Ray Lohan (Stuart Graham, „Michael Collins“), dessen Fingerknöchel Wunden vom Traktat der Häftlinge aufweisen. Bevor er zur Arbeit fährt, inspiziert er, begleitet von bangen Blicken der Gattin, die Unterseite seines Autos. Furcht scheint allgegenwärtig – und durch Mordanschläge der IRA auf das Wachpersonal der Haftanstalt auch nicht unbegründet.

Als Führungsperson und Sprachrohr tritt schließlich Sands hervor, der in einem wortreichen, fast ohne Schnitte auskommenden Zwiegespräch mit Priester Moran (Liam Cunningham, „Breakfast on Pluto“) den Entschluss des Hungerstreiks offenbart. Der Schlussakt, in dem der Körper radikal zur letzten Waffe wird, bleibt von einem Hauch Passionsspiel umweht. Die Kamera zeigt den willentlichen Verfall des Leibes, die Ausmergelung, die Wunden und Abszesse. Dazu gibt es Erinnerungsfragmente aus Jugendtagen und Vogelschwärme als konventionelles Sinnbild des nahenden Todes. Ein intensives und aufrüttelndes, wenn auch nicht vollends meisterliches Filmerlebnis.

Wertung: (8 / 10)

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