Hörspiel-Review: The Other und die Erben des Untergangs (2020, Wicked Vision Records)

Das Medium Hörspiel ist zweifelsfrei angestaubt. An seiner grundlegenden Beliebtheit ändert das selbst ungeachtet bewährter Kinderzimmerunterhaltung der Marke „Benjamin Blümchen“ wenig. Ein erwachsenes Publikum ist dabei zwar nicht die Primärzielgruppe, doch sorgen diverse Nischenangebote für ausreichend Lockstoff, um auch die reifere Klientel angemessen zu bedienen. Als Referenzbeispiele seien die „Gruselkabinett“-Reihe oder das Wirken Oliver Dörings erwähnt.

Doch auch im unabhängigen Sektor zeigen sich Bestrebungen, der nostalgischen Kopfkino-Unterhaltung neuen Schwung zu verleihen. Mit „The Other und die Erben des Untergangs“ steigt das sonst auf den Vertrieb von Genrefilmen geeichte Label Wicked Vision in den Bereich der Hörspielproduktion ein. Als Kooperationspartner und Hauptdarsteller fungieren dabei die Horror-Punks von THE OTHER. Das Kölner Quintett spielt sich in der von Thomas Williams („John Sinclair“) geschriebenen und von Humphrey Price umgesetzten Geschichte selbst – wenn auch mit einigen im Sinne des Horror-Metiers willkommenen Modifikationen.

Die Musiker nutzen die Band-Fassade für unauffällige (Konzert-)Reisen durch die Republik, deren eigentlicher Zweck die Bekämpfung dämonischer Mächte stellt. Die übernatürlichen Wesensarten der Anti-Helden erweisen sich da als äußerst hilfreich: So kann sich Sänger Rod Usher in einen Werwolf verwandeln, Gitarrist Ben Crowe besitzt die Gabe, mit Tieren zu kommunizieren, sein Klampfen-Kollege Pat Laveau ist Voodoo-Priester, Drummer Aaron Torn kann Menschen (und Monster) mit ihren tiefsten Ängsten konfrontieren und der stumme Bassist Dr. Caligari sammelt Leichenteile und pflegt behänden Umgang mit dem Skalpell.

Bereits das zeigt, mit welcher Nähe zum B-Film die Macher ans Werk gingen. Es würde kaum verwundern, wenn sich in diesem auditiven Grusel-Trip auch Coffin Joe und Paul Naschys Lykanthrop Waldemar Daninsky ins Kölner Stadtgebiet verirrten. Statt ihnen ist es an illustren Gästen wie Porno-Darsteller Conny Dachs, Kriminalbiologe (und Vorsitzender der Deutschen Dracula-Gesellschaft) Mark Beneke, Autor Wolfgang Hohlbein oder den Musikern Joachim Witt, Michael Rhein (IN EXTREMO), AnNa R. (ROSENSTOLZ), Mille Petrozza (KREATOR) und Flo Schwarz (PYOGENESIS), das Schaulaufen der Klischee-Figuren stimmlich zu bereichern.

Das bringt uns aber gleich zum Schwachpunkt von „The Other und die Erben des Untergangs“: Es bleibt vom Start weg spürbar, dass weitgehend auf professionelle Sprecher/Schauspieler verzichtet wurde. Bei den oft gestelzt vorgetragenen Dialogen hört man häufig „Papier rascheln“ und die Performances des Ensembles erinnern nahezu durchweg an das übertriebene (physische) Gebaren in Stummfilmen. Damit ist die lose an das Werk H. P. Lovecrafts angelehnte Geschichte zwar mehr Jochen Taubert als Stuart Gordon, an trashig angehauchtem Vergnügen mangelt es dem Hörspiel aber keineswegs.

Für THE OTHER gilt es, einen Kult namens „Die Erben des Untergangs“ aufzuhalten. Deren Agenda sieht nicht weniger als die Unterjochung des gesamten Universums vor. Dafür wollen die teuflischen Umstürzler eine Reihe dunkler Götter wiederbeleben, deren erster der Oktopus-Totenschädel-Hybrid Esiarp markiert. Dem haben THE OTHER schon einmal die Stirn geboten. Kein Wunder also, dass der Kult die Monster-Jäger beschäftigt hält, um das für Esiarps Rückkehr erforderliche Ritual ungestört abhalten zu können. Eine Schlüsselrolle fällt dabei dem Okkultismus-Experten Mark Werneke (Beneke) zu, dessen Anwesen reichlich Raum für schräge Einfälle und geisterhafte Erscheinungen bietet.

Mit Hilfe von Kommissar Bedburg (Dachs), dem Polizei-Informanten der Gruppe, wird an verschiedenen Orten der Kampf gegen die „Erben des Untergangs“ aufgenommen. An Fahrt gewinnt der Plot durch einen entführten Bus, dessen Insassen durch eine magische Falle grausam zu Tode kommen. Auch die vereinzelt lustvolle Beschreibung von Gewaltakten untermauert, begleitet von eindringlichen Soundeffekten (vorrangig bei der Fleischschmelze in der Diskothek oder Dr. Caligaris Skalpell-Einsatz), den Camp-Faktor des überspitzten Spektakels.  

THE OTHER, die bereits als Aufhänger von Comic-Geschichten – „Tales of The Other“ (2007) und „Der Fluch des Kultes“ (2012) – fungierten, tragen das Geschehen mit Wonne. Die musikalische Untermalung bedient mal stimmungsvoll klassische Grusel-Themen, wechselt im weiteren Verlauf aber häufiger Richtung Rock-Gitarren. Kurzum: „The Other und die Erben des Untergangs“ macht Laune und bietet mit verzeihlichen Abstrichen herrlich pulpige Unterhaltung für all diejenigen, die sich mehr Kontrastprogramm zu den bewährten Kinderzimmer-Hörspielen wünschen. Fortsetzung explizit erbeten!

Wertung: 7 out of 10 stars (7 / 10)

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