High Tension – Haute Tension (F 2003)

high-tensionAuf dem Fantasy Filmfest konnte sich Alexandre Aja mit seinem blutigen Horror-Film „Haute Tension“ (dt. Titel „High Tension“) viele neue Freunde machen, von denen nach der Veröffentlichung auf DVD wohl noch einige hinzukommen werden. Schließlich eilt einem Film der gute Ruf dieses in Independent-Kreisen wichtigen Filmfestes meist voraus. Der Mittzwanziger Aja schickt in seinem Werk die beiden Hauptprotagonisten Alex (Maiwenn Le Besco) und Maria (Cécile de France) während ihrer Semesterferien raus aufs Land, wo die beiden Mädels in dem abgelegenen Landhaus von Alex’ Eltern ruhige Wochen verbringen wollen.

Doch die Ruhe ist nur von kurzer Dauer, denn bereits in der ersten Nacht klopft ein Fremder (Philippe Nahon) an die Tür und metzelt die Familie ohne Rücksicht brutal nieder. Lediglich Alex verschont er. Sie zerrt er jedoch in seinen alten Lieferwagen und braust mit ihr davon. Marie konnte sich mit viel Glück vor dem Unbekannten verstecken und auch zu ihrer Freundin in den Wagen steigen, bevor dieser losfuhr. In völliger Panik versucht sie nun, sich und Alex aus den Fängen des Mörders zu befreien.

Obwohl die einschlägigen Gremien Alexandre Ajas Achterbahnfahrt und Bewährungsprobe für jeden rebellierungsfreudigen Magen vorsorglich für den DVD- und Videomarkt an einigen Stellen kürzten, wirken die hier dargestellten Szenen immer noch heftig genug und der Ruf von einigen Seiten, es hier mit einem der heftigsten Filme der letzten Jahre zu tun zu haben, kommt auch nicht von ungefähr. Doch liegt dies auch nicht immer an den ohne Frage deftigen Gewaltausbrüchen, sondern auch an der Freude Ajas, den Zuschauer auch außerhalb dieser Kunstblut-Effekte mit dem Holzhammer treffen zu wollen. Bei dieser Art von Filmen spielt, wie die jüngere Vergangenheit zeigte, ein ironischer Unterton ja gerne mit und soll so vor größerem Schaden bewahren. Doch Aja geht den genau umgekehrten Weg und lässt von Anfang an keine Zweifel aufkommen, dass man es hier nicht mit einer Kindergarten-Veranstaltung zu tun hat.

Als Metzger vom Dienst fungiert dabei Philippe Nahon, der bereits in den verstörenden Gaspar Noe Streifen „Irreversible“ und „Menschenfeind“ Charaktere am Rande der Schmerzgrenze darstellte. Derart kompromisslos hat man wohl schon länger keinen Menschen mehr morden sehen, ohne zu zögern lässt man ihn hier gewähren und die Familie auf das Übelste massakrieren. Aja hält in diesen Momenten voll drauf und erspart seinem Publikum nichts, was sehr an der Enthauptungsszene des Vaters deutlich wird, die nicht nur sehr rustikaler Natur ist, sondern bei der auch noch literweise Kunstblut auf dem Boden verspritzt wird. Manchmal erwischt es einen kurz und heftig, manchmal wiederum ist das Leid länger und schmerzhafter dargestellt. Zumindest weiß man als Zuschauer schnell, dass einem das Lachen in den nächsten Momenten im Halse stecken bleiben kann. Mit dazu bei tragen die wirklich guten Effekte, die durch ihre Nähe an der Realität die oben bereits beschriebene Grundstimmung weiter verschärfen.

Es gibt nichts, was diesen Eindruck abschwächt, denn auch die Leistungen der Darsteller und die Ängste, die von den beiden Miminnen Maiwenn Le Besco und Cécile de France vermittelt werden, wirken sehr ehrlich. Auch storytechnisch kann „High Tension“ überraschen und ist meilenweit von den stupiden Teenie-Slashern der letzten Jahre anzusiedeln. Zwar kann man nach einem kurzen Blick auf den Inhalt des Films auf genau so etwas schließen, doch das überraschende Ende, wenngleich es auch im Vorfeld bereits vermutet oder erkannt werden kann, zeigt dem Zuschauer einfach nur wieder auf, dass man sich besser nichts im Vorfeld zu diesem Thema hätte überlegen sollen. Der Film hält in der ersten Stunde etwa ein sehr solides, gleichbleibendes Spannungsniveau, das auch durch die erste, noch recht ruhige Viertelstunde nicht abgeschwächt wird. Denn bereits die kurz gezeigte Selbstbefriedigungsszene von Philippe Nahon mit einem enthaupteten Kopf lässt die Schwere des noch kommenden erahnen.

Die letzten 20 Minuten lassen das Herz eines jeden Splatter-Fans dann noch einmal höher schlagen, wenn die Protagonisten mit Stacheldraht oder Motorsägen auf sich losgehen und auch schon mal der Innenraum eines PKW mit den Eingeweiden seines Fahrers besprenkelt wird. „High Tension“ ist einfach anders als der Großteil der Kost, die hinlänglich als Horror verkauft und vermarktet wird. Vielleicht kein Klassiker, jedoch könnte Alexandre Aja mit seinem Film das Kunststück geglückt sein, dem Horror-Film neues Leben eingehaucht zu haben und ihn für die kommenden Jahre in eine etwas andere Richtung zu stemmen. Zu gönnen wäre es ihm, denn vor allem die gängigen Klischees werden hier gekonnt umschifft. Hoffen wir nur, dass, sofern Aja seine Heimat Frankreich für den Sprung nach Hollywood verlassen sollte, nichts von seiner Art, Kompromisse zu meiden, verloren geht.

Wertung: 7.5 out of 10 stars (7,5 / 10)

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