Harry Brown (GB 2009)

harry-brown„It’s not Northern Ireland Harry.“ – Alice
„No it’s not. Those people were fighting for something, for a cause. To them out there, this is just entertainment.“ – Harry

Michael Caine rechnet wieder ab. Bereits 1971, im Klassiker „Get Carter“, nahm er das Gesetz in die eigenen Hände und rächte die Ermordung des Bruders. Fast 30 Jahre später, im Thriller „Harry Brown“, ist es abermals an ihm, mit streitbaren Methoden für Gerechtigkeit zu sorgen. Die Vorzeichen allerdings sind grundverschieden. Der titelgebende Harry ist ein alternder Kriegsveteran, der in einer verwahrlosten englischen Vorstadt haust. Auf dem Weg ins Krankenhaus, zur im Koma liegenden Gattin, nimmt er lieber einen Umweg. Die eine Abkürzung verheißende Unterführung ist fest in der Hand jugendlicher Schläger.

Die Jugend hat den Respekt vor der Gesellschaft und schlimmer noch jegliche Skrupel verloren. Nur für den Kick wird in der übertrieben reißerischen und als verwackeltes Handyvideo präsentierten Auftaktsequenz eine junge Mutter erschossen. In Harrys Stammkneipe wird offen mit Rauschgift gehandelt. Sein Freund Len (Hausmeister Filch aus den „Harry Potter“-Filmen: David Bradley), der von einer Horde Kleingangster bedroht wird, will diesen Zustand nicht länger hinnehmen. Tags darauf ist er tot. Als der verzweifelte Harry selbst Opfer eines Überfalls wird, tötet er den Angreifer kurzerhand.

Die engagierte Polizistin Alice Frampton (Emily Mortimer, „Shutter Island“), die mit der Aufklärung von Lens Ermordung betraut wird, mehrt nur das Gefühl staatlicher Hilflosigkeit. Also mordet, foltert und brandschatzt der Rentner weiter. Am Ende wird der menschenverachtende Teenager Noel (Ben Drew) auf der Abschussliste stehen. Altersverschleiß und Atemnot sind Harry kein Hindernis. Dem Vigilanten auf der Spur ist Alice, die mit ihrem Verdacht beim Vorgesetzten aber auf taube Ohren stößt. Geklärt werden die Fronten, als während eines Polizeieinsatzes in der Nachbarschaft der Mob tobt.

Wäre es nicht um die gute Kameraarbeit und die erhabene Darstellung des zweifachen Oscar-Preisträgers Michael Caine, der plakative Streifen würde samt und sonders scheitern. Regisseur Daniel Barber, der für den Kurzfilm „The Tonto Woman“ mit einer Oscar-Nominierung bedacht wurde, schmückt das Umfeld der Straßengang mit solcher Brutalität aus, dass der Zuschauer gar nicht umhin kommt, den Tätern den Tod zu wünschen. Die Rache der vom System im Stich gelassenen Unschuldigen wird durch die Barbarei der Jugend legitimiert. Wie mit solch urbanem Abschaum am besten verfahren wird, lebte Charles Bronson in der „Death Wish“-Reihe ausreichend vor. Ähnlichen Sleaze-Faktor erreicht auch Barber – und verfehlt die diskursive Schlagkraft eines „Gran Torino“ damit um Längen.

Wertung: (4 / 10)

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