Gran Torino (USA/D 2008)

gran-torinoIn „Gran Torino“ vollzieht Hollywood-Altstar Clint Eastwood die Wandlung vom Saulus zum Paulus. Er spielt Walt Kowalski, einen grantigen Rassisten, der mit seiner Vergangenheit keinen Frieden schließen kann. Oder will. Als Soldat diente er im Koreakrieg, aus dem er als Mörder heimkehrte. Danach verdingte er sich in der Autobauermetropole Detroit als Werkarbeiter. In Zeiten der globalen Finanzkrise liegt die Wirtschaft auch dort am Boden. Mit den rapide fallenden Grundstückspreisen kam die urbane Verödung – und mit ihr Migranten und Jugendbanden.

Kowalski ist in seiner Nachbarschaft ein Fels in der Brandung. Er mäht regelmäßig den Rasen im Vorgarten und lässt die Staatsflagge von der Veranda wehen. In der gut sortierten Garage steht sein ganzer Stolz, ein 1972 Ford Gran Torino, bei dessen Produktion er seinerzeit selbst Hand anlegte. Durch ihn kommt er in Kontakt mit Tao, dem Sohn einer chinesischen Großfamilie, die ausgerechnet in das Haus neben ihm gezogen ist. Um in der Gang seines Cousins akzeptiert zu werden, soll der Junge den Wagen stehlen. Mit vorgehaltener Waffe weiß der jüngst verwitwete Nörgler den Raub zu unterbinden. Mit ungeahnten Folgen.

Es ist eine wahre Wonne, Eastwoods Abrechnung mit dem eigenen Mythos zu erleben. Markante Wesenszüge sind ihm geblieben, die zusammengekniffenen Augen, das schiere Ausspeien zynisch-reaktionärer Phrasen durch geschlossene Zahnreihen. Beizeiten ersetzt ein kurzes Knurren sogar jede verbale Konversation. Doch all die Dirty Harrys, die Fremden ohne Namen, finden in Walt Kowalski mitnichten ihre Übersetzung ins Rentenalter. Im Gegenteil, Eastwood eröffnet der Figur eine Welt der Toleranz, in der Gewalt und Gegengewalt eine nicht zu legitimierende, zerstörerische Eigendynamik entwickeln.

Als Tao für seine Weigerung der kriminellen Tat zur Rechenschaft gezogen werden soll, greift Kowalski ein. Wieder schwingt er das Gewehr und avanciert so zum unfreiwilligen Patron der ausländischen Nachbarn. Dass die, wie er später erfährt, der Hmong-Minderheit angehören, einem im Grenzgebiet zwischen Vietnam, Laos, Thailand und China ansässigen Volksstamm, der die Amerikaner während des Vietnamkrieges unterstützte, zeugt von der Ironie, mit der (der Regisseur) Eastwood Rassenstereotypen und dramaturgische Klischees gegeneinander ausspielt.

Unter der ruhigen Hand des bald 80-jährigen Filmemachers fügen sich selbst pathetische Untertöne reibungslos ins unkonventionelle Drama. Kowalskis Wandel ist keine Läuterung im moralisch belehrenden, geschweige denn biblischen Sinne. Die Hoffnung auf Erlösung hat er längst begraben. Selbst der Beichte durch den jungen Geistlichen Janovich (Christopher Carley, „Garden State“) entzieht er sich beharrlich. Die Näherung an die fremde Kultur ist ein Prozess, ein sozialer Augenaufschlag. Und der beflügelt eine finale Konsequenz, die den Gegenentwurf zum hartnäckigen Macho-Image Eastwoods fulminant zementiert. Ein so unterhaltsames wie unvergessliches Meisterwerk.

Wertung: (9 / 10)

 

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