Gibs ihm, Chris (GB/F/NL 1991)

gibs-ihm-chrisJustizskandale sind dankbarer Filmstoff, im Idealfall führen sie die Grenzen eines vermeintlich unfehlbaren Rechtssystems vor Augen. Ihre Wichtigkeit unterschreibt „Gibs ihm, Chris“, bitteres Plädoyer gegen die Todesstrafe und zugleich Rehabilitierungsversuch eines zu Unrecht zum Tode verurteilten. Anfang der fünfziger Jahre des letzten Jahrhunderts wurde das Nachkriegsengland vom Fall des jungen Derek Bentley erschüttert. Bei einem Einbruchsversuch werden er und sein krimineller Freund Chris Craig von Polizeikräften gestellt. Craig zückt seine Pistole, ein Polizist stirbt. Es sind die Worte „Gibs ihm, Chris“, die den geistig zurückgebliebenen Epileptiker Derek an den Galgen bringen. Er ruft sie Chris zu, bevor der tödliche Schuss fällt.

Peter Medak („Romeo is Bleeding“) knüpft mit den spröden Bildern seines 1991 gedrehten Dramas an das ein Jahr zuvor inszenierte Gangster-Portrait „Die Krays“ an. In beiden Filmen übt sich Medak in Zurückhaltung und durchbricht die Distanz zu den Charakteren durch die präzise Schilderung der äußeren Umstände. Christopher Eccleston („28 Days Later“) brilliert in seinem Kinodebüt als hilfloses Opferlamm Derek, dessen Begeisterung für Gangsterfilme dem Waffennarren Chris (Paul Reynolds, „Croupier“) leichtes Spiel verschaffen, den naiven Außenseiter in seine kriminellen Aktivitäten zu involvieren.

Detailliert erzählt der Film die Hintergrundgeschichte eines Verbrechens, welches den Todesschützen zu einer Zuchthausstrafe, den Komplizen zum Tode verurteilte. In seiner Darstellung holt Medak weit aus, portraitiert Ereignisse aus Dereks Kindheit und macht die fürsorgliche Familie zum Ruhepol der Erzählung. Die Eltern (Tom Courtenay, „Was geschah mit Harold Smith?“ / Eileen Atkins, „Gosford Park“) können ihrem Sohn den Umgang mit dem zwielichtigen Freund nicht verbieten. Schließlich ist es sein einziger. So wenig sie die kommende Tragödie aufziehen sehen, so beherzt setzen sie sich nach der raschen Urteilsverkündung für die Freilassung des Sprosses ein. Ihr verzweifeltes Engagement bleibt ohne Erfolg. Erst 1998 wurde Derek Bentley posthum freigesprochen. Filme wie „Gibs ihm, Chris“ helfen, derartige Fehlgriffe der Justiz im Gedächtnis zu behalten. Ein aufwühlendes, ein ergreifendes Mahnmal.

Wertung: 7.5 out of 10 stars (7,5 / 10)

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