Full Metal Jacket (GB/USA 1987)

full-metal-jacket„The Dead only know one thing: It is better to be alive.” – Joker

Rekruten beim Kahlschlag. Der Rasierapparat schlägt eine breite Schneise ins Haupthaar. Mit den Haaren fällt auch die Individualität von den Körpern ab. Eine willkürliche Truppe junger Soldaten wird für den Kriegseinsatz geschult. Der fanatische Schleifer Sergeant Hartman (legendär: R. Lee Ermey, „Mississippi Burning“) treibt die formbare menschliche Rohmasse mit Unflat („Unfuck yourself or I´ll unscrew your head and shit down your neck!“) und Erniedrigung durch die Ausbildung. Nach acht Wochen des bedingungslosen Drills ist die Gefechtsvorbereitung vorüber. Der Preis ist das Ticket nach Vietnam.

Stanley Kubricks „Full Metal Jacket“ ist einer der beeindruckendsten Anti-Kriegsfilme der Kinogeschichte. Die bipolare Funktionsweise der in Auszügen geschilderten Schicksale verfehlt ihre Wirkung nicht. Der erste Part spielt in der Heimat, zeigt den Weg der Rekruten durch die Hölle der Degradierung zu wertlosen Schmutzpartikeln. Private Joker (Matthew Modine, „Short Cuts“) führt durch das Geschehen, als Referenzfigur mit sporadischen Off-Kommentaren. Erst die Ausbildung, dann der Kampfeinsatz. Das Denken wird abgeschaltet, was zählt ist unbedingter Gehorsam. Die Zucht zum Killer funktioniert. Nicht immer wie intendiert. Der übergewichtige Leonard (Vincent D’Onofrio, „The Player“), eine lebende Zeitbombe, detoniert vorzeitig. Er nimmt sich das Leben. Den unbarmherzigen Ausbilder reißt er mit in den Tod.

Szenenwechsel. In Vietnam arbeitet Joker für die Frontpostille ´Stars & Stripes´. Für einen Bericht wird er mit dem Kollegen Rafterman (Kevyn Major Howard, „Dirty Harry kommt zurück“) zur kämpfenden Truppe abkommandiert. Dort trifft er nicht nur seinen Ausbildungskumpel Cowboy (Arliss Howard, „Amistad“) wieder, sondern erlebt auch hautnah die Gräuel des Krieges. Die Besichtigung eines Massengrabs, die Begegnung mit einem zynischen Hubschrauberbordschützen, der mit Stolz den Abschuss von 157 Zivilisten – und 50 Wasserbüffeln – verkündet. Episoden wie diese entspringen den Erinnerungen des Veteranen Gustav Hasford. Auf seinem Roman „The Short Timers“ basiert Kubricks Drehbuch zu „Full Metal Jacket“.

Vermehrt zeigt der Regisseur Auszüge. Mit dokumentarischen Stilmitteln – ein Kamerateam interviewt den Cowboy unterstellten Zug – werden Stimmungen eingefangen. Abstumpfung wird zum Alltag. Als die Truppe vom Weg abkommt, nimmt sie ein Scharfschütze unter Feuer. Während des anschließenden Häuserkampfes werden Soldaten in Zeitlupe in Stücke geschossen. Ungeachtet schonungsloser Gewalt offenbart der Film seine ganze Radikalität erst im Finale. Der Heckenschütze wird gestellt. Er entpuppt sich als junges Mädchen. Kubrick will Kontroversen, den Zwiespalt im Menschen. Das unterstreicht insbesondere die Figur Jokers. Sein Helm trägt die Aufschrift „Born to Kill“, die Weste ziert ein „Peace“-Button. Der Kontrast zwischen Mensch und Mörder könnte kaum treffender übersetzt werden. Ein erschütterndes Meisterwerk.

Wertung: (10 / 10)

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