Frankensteins Fluch (GB 1957)

frankensteins-fluch„I’ve created a being.“ – Fahrlässig erfolgreich: Victor

Einzug in die Geschichtsbücher hielt „Frankensteins Fluch“ aus zweierlei Gründen: Die britische Filmproduktionsfirma Hammer begründete durch ihn eine Ära erfolgreicher Neuauflagen klassischer Gruselstoffe. Jene gingen auf die frühe Hochphase der Universal Studios zurück und wurden bis in die Vierziger hinein immer wieder aufbereitet. Nachdem das Interesse aber nahezu versiegt war, brachten die ersten Farbfilmfassungen die kommerzielle Zugkraft zurück. Und mit ihr – darin bestand die eigentliche Novität – graphische Gewalt und Kunstblut.

Zwar rann der Ersatz des roten Lebenssaftes in unnatürlich leuchtender Farbe über die Leinwand. Die Provokation der Sittenwächter aber verfehlte ihre Wirkung nicht. Drehbuchautor Jimmy Sangster und Regisseur Terence Fisher, die ein Jahr später auch die ihrerseits zum Klassiker gereifte „Dracula“-Verfilmung besorgten, begründeten mit der Wundzeichnung den modernen Horror. Für sie und gleichwohl die Hauptdarsteller Peter Cushing und Christopher Lee, die ihren Ruhm ebenfalls mit „Dracula“ festigen sollten, bedeutete diese Schaffensperiode den Durchbruch.

Frei nach Mary Shelley erzählen Sangster und Fisher die Geschichte des wahnsinnigen Wissenschaftlers Victor Frankenstein (Cushing), der, in der Schweiz des viktorianischen Zeitalters, von der Idee besessen ist, den Tod zu überlisten. Mit seinem Mentor und Partner Paul Krempe (Robert Urquhart, „Der Wachsbumenstrauß“) gelingt ihm nach jahrelanger Forschung der ersehnte Erfolg. Doch der Versuch, aus Leichenteilen einen neuen Menschen zu kreieren, mündet in der Katastrophe. Denn die Kreatur (Lee) erweist sich durch Schädigungen des auserkorenen Gehirns als unberechenbares Monster. Und das wird auch zur Gefahr für Victors unwissende Verlobte Elizabeth (Hazel Court, „Lebendig begraben“).

Die berühmte Maske Boris Karloffs, der Frankensteins Schöpfung in den Neunzehndreißigern drei Mal verkörperte, durfte aus rechtlichen Gründen nicht nachgeahmt werden. Also verschwand Lee hinter einer (der Vorlage deutlich näher kommenden) Latexhaut, die der Zombie-Welle der siebziger und achtziger Jahren praktisch vorwegläuft. Zum Markenzeichen des Hammer-Horrors aber sollte das Zusammenwirken aus theatralisch bühnenhaften Inszenierungen und liebevollen Ausstattungen avancieren. Dafür steht auch der in Musik und Schauspiel dramatisierte Unterbau, der auch den bis 1974 fünf (offiziellen) Fortsetzungen anhaften sollte. Den Platz in den Geschichtsbüchern verdiente sich der Film jedenfalls redlich.

Wertung: 7.5 out of 10 stars (7,5 / 10)

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