Frank (IRL/GB 2014)

frank-2014„Would it help if I said my facial expressions out loud?” – Frank

Frank ist ein Pappkopf. Das heißt, eigentlich trägt er nur einen. Ständig. Für ihn bedeutet das übergroße, etwas rammdösig dreinblickende Haupt aus Pappmaschee keine Anonymität, sondern einen Hort der Sicherheit. Für den psychisch kranken Musiker ist er eine Art Zufluchtsort, aus dem heraus er Gedanken und kreativen Flüssen freien Lauf lassen kann. Für einen Film mit Kleinkunst-Flair bildet Stoff wie dieser die ideale Basis. Inspiriert ist er u.a. vom britischen Künstler Chris Sievey, dessen mit papiernem Kugelkopf versehene Figur Frank Sidebottom in den frühen Neunzehnachtzigern Popularität erlangte. In Sidebottoms Oh Blimey Big Band spielte auch Jon Ronson („Männer, die auf Ziegen starren“), der gemeinsam mit Peter Straughan („Dame, König, As, Spion“) das Drehbuch schrieb.

Der Einstieg widmet sich dem Büroangestellten und Hobbymusiker Jon Burroughs (Domhnall Gleeson, „Ex Machina“), der überall Inspiration für eigene Songs sucht, jedoch kaum über Fragmente hinauslangt. Das ändert sich, als er nach dem versuchten Selbstmord eines Bandmitglieds zufällig für einen Auftritt der Art-Rock-Gruppe Soronprfbs als Keyboarder engagiert wird. Deren zunächst mystisch erscheinender Sänger ist Frank (Michael Fassbender, „Shame“). Zwar mündet der Gig vorzeitig ins Chaos, Wochen später erhält Jon trotzdem einen Anruf und bezieht mit der Band eine abgelegene Hütte, um ein Album aufzunehmen. So skurril die Geschichte in ihrer Herleitung auch anmuten mag, „Frank“ ist keine Komödie. Eine Groteske sicher, vorrangig aber ein keiner dramaturgischen Konvention unterworfenes Außenseiter-Drama nach Bauart des Independent-Films.

Mehr noch ist Lenny Abrahamsons („What Richard Did“) wunderbar verschrobenes Werk eine Ode an die künstlerische Freiheit. Wenn diese in der Abgeschiedenheit auch seltsame Blüten treibt. In den ersten 11 Monaten (!) bauen Frank und Mitstreiter Instrumente, nehmen Naturklänge auf und… lassen die Zeit verstreichen. Streitigkeiten inklusive. Denn die Soronprfbs sind ein nur selten harmonierender Zusammenschluss aus der Welt gefallener Individuen. Don (Scoot McNairy, „Argo“) etwa hat Frank in der Psychiatrie kennengelernt und begehrt Schaufensterpuppen. Die in Frank verschossene, streitsüchtige Clara (Maggie Gyllenhaal, „Crazy Heart“) wirkt dagegen lediglich, als wäre sie mental labil. Sie tritt Jon – wie auch die nahezu stummen Nana (Autolux-Drummerin Carla Azar) und Baraque (François Civil, „Katakomben“) – mit offener Antipathie entgegen.

Als die Platte endlich eingespielt ist, entwickelt der via Twitter und Blog über die Band und ihre Marotten berichtende Jon kreativen Ehrgeiz. Von Franks Energie beflügelt, glaubt er an den Durchbruch und erreicht die Teilnahme an einem Festival in Amerika. Doch vor Ort kommt natürlich alles ganz anders als geplant. Für Liebhaber des Off-Kinos ist „Frank“ ein wahres Fest. Die skurrilen Eigenarten der Figuren werden nie für schnelle Lacher benutzt, sondern dienen der Ausgestaltung eines exzentrischen Weltbilds, das keinen festen Regeln unterworfen ist. Ein spontan getexteter Song über einen vorstehenden Teppichfaden gehört ebenso dazu wie eine Feuerbestattung auf einem Floß. Komik und Tragik werden erzählerisch leise transportiert. Davon profitiert insbesondere das fast ausschließlich über Gestik ausgestaltete Spiel Michael Fassbenders. Dank ihm wird aus Frank keine Witzfigur. Ein enorm eigensinniger und gerade darum überaus liebenswerter Film.

Wertung: (7,5 / 10)

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