Fahrraddiebe (I 1948)

fahrraddiebeSchier unvorstellbar scheint heutzutage, dass die Existenz einer ganzen Familie vom Besitz eines Fahrrads abhängen könnte. Vor sechzig Jahren war das anders. Die Schatten des zweiten Weltkriegs lagen über Europa, Arbeitslosigkeit und Hunger grassierten. In dieser Zeit der Entbehrung entstand im Herzen des Wiederaufbaus die neorealistische Kinokultur. Die zeigte, anders als es beispielsweise die Propagandaapparate der faschistischen Regimes in Deutschland und Italien praktizieren ließen, ja selbst konträr zum überwiegend seichten Tenor Hollywoods, das Leben und Leiden des einfachen Mannes.

Ein wegweisender künstlerischer Repräsentant jener Zeit ist das 1948 gedrehte Sozial-Drama „Fahrraddiebe“, mit dem sich Vittorio De Sica („Und dennoch leben sie“) einen Platz in den Annalen des Kinos sicherte. Das überwiegend mit Laiendarstellern besetzte schwarz-weiße Meisterwerk erhielt den Golden Globe als bester fremdsprachiger Film sowie einen Ehren-Oscar. Auf diese Weise verbeugten sich auch die Amerikaner vor der ebenso präzisen wie schlichten Beobachtungsgabe, mit der europäische Regisseure die Tristesse des allgegenwärtigen Elends aufzuarbeiten versuchten.

Die Verzweiflung des erwerbslosen Familienvaters Antonio (Lamberto Maggiorani, „Die große Schlacht des Don Camillo“) zerstreut sich, als ihm ein Arbeitsvermittler eine Anstellung als städtischer Plakatkleber zuweist. Kein kurzzeitiger Aushilfsjob, sondern eine feste Anstellung. Nach sechs Monaten soll es gar einen Familienzuschlag geben. Doch für den Dienstantritt benötigt Antonio ein Fahrrad. Dass er seines verpfändet hat, verschweigt er. Seine Frau Maria (Lianella Carell, „Das Gold von Neapel“) löst den Drahtesel aus – gegen die verbliebene Bettwäsche der Familie.

Als ihm das unabdingbare Gefährt, mit dem er Leiter, Kleister und Plakate durch die Straßen Roms manövriert, bereits am ersten Arbeitstag gestohlen wird, begibt sich Antonio mit Sohn Bruno (Enzo Staiola, „Die barfüßige Gräfin“) auf eine verzweifelte Odyssee. An deren Ausgang schwindet die Hoffnung. Der Bestohlene wird selbst zum Dieb. Doch es bringt ihm kein Glück. Basierend auf einem Roman von Luigi Bartolini zeigt De Sica ungeschminkt die harte Realität der Mittellosen. Da ist kein Pathos, keine Übertreibung. Übrig bleibt der Heimweg des Gebrochenen, an der Hand den weinenden Sohn. Es wird weitergehen, ohne Optimismus, als Teil einer desillusionierten Masse.

Wertung: (10 / 10)

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