Es war Mord – Unter Kannibalen (2017, Sounds of Subterrania)

Punk muss keinen Spaß machen. Früher war er schließlich auch unbequem. Das soll nicht bedeuten, heute gäbe es keine kritischen Inhalte mehr. Doch die meisten Bands streben ein gesundes Miteinander von Message und Party-Tauglichkeit an. Eine Ausnahme sind ES WAR MORD. Das Quintett aus Berlin schert sich auf seinem ersten (offiziellen) Langspieler „Unter Kannibalen“ nicht um gesteigerten Unterhaltungswert – selbst wenn die vielseitige Melodik und manch packender Refrain ausreichend gefällige Zugänge offenbaren.

Den Unterschied machen die Texte. Die geben sich komplex und forcieren als vielschichtige Pamphlete eine nähere Beschäftigung mit ihnen. Denn selbst wenn manche Kontexte plakativ erschlossen werden, über simple Parolen werden sie nie abgebildet. Dass hinter ES WAR MORD keine Unbekannten stehen, belegt ein Blick auf die Vita der Besetzung: Da hagelt es klangvolle Namen wie VORKRIEGSJUGEND, KUMPELBASIS, JUNGO DE LUNCH oder DIE SKEPTIKER. An Erfahrung und Versiertheit mangelt es also nicht.

Ursprünglich sollte die Platte mit dem Titel „Erinnerungen des Agenten, der aus Notwehr mit den Kannibalen knutschte“ bedacht werden. Aber das hätte wohl mehr Augenzwinkern impliziert, als die Urheber bereit sind zu offenbaren. Denn „Unter Kannibalen“ ist ein düsteres Musikwerk, voller Abgründe, Seelenbrände und Schatten. Der Auftakt wirkt mit den starken „Gespenster“ und „Blut an den Fahnen“ noch leicht(er) (be)greifbar – selbst wenn der Opener auf dem Weg zur Vier-Minuten-Marke noch unerwartete Extrarunden dreht. In diese Richtung streben auch die nicht minder hochkarätigen „Gier“ und „Schlecht ist besser“.

Ihnen gegenüber stehen Nummern wie „Substanbul“, „Die rosigen Gesichter“, „Unterwegs“ oder „Hirn“, die sich klassischen narrativen Strukturen verweigern und abgründige Geschichten erzählen, deren Bedeutung sich erst allmählich offenbart. Das erinnert mal an den Kampfgeist der 80er, an die SLIME der frühen 90er oder die depressiv gefärbte Stimmung der FLIEHENDEN STÜRME. Einen gewichtigen Anteil an der Wirkung hat Sänger Frank „Stunk“ Stetefeld (Ex-SITUATIONS), dessen Stimmlage keinen Platz für die sonnigen Momente des Lebens einzuräumen scheint. Aber das passt. Punk muss schließlich nicht immer Spaß machen.

Wertung: (7,5 / 10)

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