Es (USA 2017)

„We all float down here.“ – Pennywise

Abwegig erscheint es nicht, dass eine der besten Coming-of-Age-Geschichten der jüngeren Kinohistorie einem Horrorfilm entspringt. Denn zum einen kann das Teenager-Dasein das pure Grauen sein, zum anderen stammt die literarische Basis von Kult-Autor Stephen King. Der hatte mit Stoffen wie „Die Leiche“ (großartig verfilmt als „Stand By Me“) eine Blaupause geliefert, die mit dem 1986 erstveröffentlichten Roman „Es“ seine konsequente Steigerung fand.

Im Mittelpunkt stehen sieben jugendliche Außenseiter: Bill (Jaeden Lieberher, „The Book of Henry“) stottert, Eddie (Jack Dylan Grazer) ist Asthmatiker, Stan (Wyatt Olef, „Guardians of the Galaxy“) Jude, Richie („Stranger Things“-Jungstar Finn Wolfhard) ein Großmaul, Ben (Jeremy Ray Taylor) fettleibig und Mike (Chosen Jacobs) schwarz. Komplettiert wird der „Klub der Verlierer“ durch die vom Vater misshandelte Beverly (Sophia Lillis). Mit ihren Problemen, darunter das erniedrigende Traktat durch den brutalen Rowdy Henry (Nicholas Hamilton, „Der Dunkle Turm“), bleiben sie auf sich allein gestellt.

Die Erwachsenen sind Randfiguren, emotional distanziert und/oder moralisch verkommen. Hilfe ist von ihnen nicht zu erwarten. Dabei wäre diese dringend erforderlich. Denn in der fiktiven Kleinstadt Derry sterben Kinder. Zum Auftakt der als Zweiteiler angelegten Verfilmung von Andrés Muschietti („Mama“) ist es Bills kleiner Bruder Georgie (Jackson Robert Scott), der beim Spielen auf der Straße auf den in der Kanalisation hausenden Clown Pennywise (Bill Skarsgård, „Hemlock Grove“) stößt – und an diesen erst einen Arm und anschließend das Leben verliert.

Der Anfang ist eine Wucht. Der blutige Gewaltschock trifft den Zuschauer ins Mark und Skarsgård macht als diabolischer Spaßmacher eine famose Figur. Bereits die in Teilen freie TV-Adaption von 1990 bot mit Tim Curry einen Monster-Darsteller von Format auf. Davon lebt auch die Neuverfilmung. Nur wird die Präsenz des Killer-Clowns oftmals standardisiert wirkenden Jump Scares unterworfen, die das Potential von Figur und Gesamtwerk mitunter unausgeschöpft lassen. Gemessen an der grundlegenden Qualität ist das jedoch Jammern auf hohem Niveau.

In einem wiederkehrenden Zyklus von 27 Jahren labt sich Pennywise an Derrys Einwohnerschaft. Die bevorzugte Beute sind Kinder, deren Furcht er durch Illusionen maximiert, die an ihre größten Ängste appellieren, ehe er sie frisst. Mal zeigt er sich als lepröser Kranker, mal lässt er eine Blutfontäne aus dem Waschbecken sprudeln. Als die Clique um Bill die kollektive Gefahr erkennt, stellt sie sich dem manifestierten Bösen in der Kanalisation entgegen. Während Kings Buch erzählerisch zwischen Gegenwart und Vergangenheit springt, respektive Jugend- und Erwachsenenalter der Protagonisten verknüpft, handelt Muschietti die Geschichte chronologisch ab und zeigt zunächst nur die Vorgeschichte.

Deren Verlagerung in die späten Neunzehnachtziger – im Buch waren es die ausgehenden Fünfziger – zahlt voll auf den gegenwärtigen Retro-Trend fantastischer Unterhaltungsformeln ein (bestes Beispiel: „Stranger Things“). Kalkül mag zweifelsfrei dahinterstecken, doch ist „Es“ in der Verschmelzung von Coming-of-Age-Drama und Horror-Schocker einfach zu entwaffnend, zu perfekt besetzt, zu wirkungsvoll gestaltet, um allein von der Hommage an „Stand By Me“ oder „Die Goonies“ zu zehren.

Das Erwachsenwerden ist hier ein schmerzhafter Prozess. Er führt über Todesangst, die Überwindung elterlich patriarchaler Unterdrückung und die Verarbeitung der ersten amourösen Gefühle. Emotion und Geisterbahn mögen dabei lange in respektablen Abstand nebeneinander herlaufen. Doch bedingt das eine stets das andere. Es ist diese Symbiose, die den Film über gängige Genre-Kost hinausragen lässt. Es bleibt abzuwarten, ob die Fortsetzung diese Klasse halten kann.

Wertung: (7,5 / 10)

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