Erdbeben (USA 1974)

erdbebenDie Erde bebt. Wolkenkratzer fallen wie Kartenhäuser in sich zusammen, Statisten werden dutzendfach – und in erstaunlich detailreichen Großaufnahmen – von Trümmern erschlagen. Dazu wummert die Tiefe des Basses, die, erreicht durch das kurzlebige Sensurround-Verfahren, eigens für „Erdbeben“ entwickelt wurde. In einigen Lichtspieltheatern soll die Beschallung der Subwoofer gar den Putz von der Decke getrieben haben. So wird Kino interaktiv. Auf der Leinwand bangen die Protagonisten um ihr Leben und um die ängstlich den Blick gen Überbau richtenden Zuschauer ist es auch nicht besser bestellt.

Katastrophenfilme waren Chic in den siebziger Jahren. Sie boten dem Publikum über Starpower und tricktechnische Überbietungslogik spektakuläres Augenfutter. Dass die formelhaften Unterhaltungsspektakel nur selten große Intensität und echte Beklemmung hervorriefen, liegt in der konzeptionellen Vorzeichnung begründet, die sich über strenge Similarität und wiederkehrende Charakterklischees zu einem Automatismus formten. „Erdbeben“ ist eine Ausnahme. Die Atmosphäre, mit der „Colonel von Ryans Express“-Regisseur Mark Robson Los Angeles in einem verheerenden Inferno niederreißt, sucht innerhalb des Genres wahrlich ihresgleichen. Eine beklemmende Hilflosigkeit macht sich breit, die durch die abrupt das Elend verlassene Schlusssequenz noch intensiviert wird.

Die Figuren, selbstredend dem Baukasten für dramaturgisch aufgeblasene Normalbürger entnommen, wirken im Detail immerhin lebendiger und glaubwürdigercharlt als im Gros artverwandter Produktionen. Bevor sich das geschäftige Treiben in der US-Metropole also mit Modellen und Matte Paintings einem endzeitlichen Ground Zero weicht, werden Einzelschicksale beleuchtet und emotionale Hindernisparcours errichtet. Für Bauingenieur Stuart Graff (Charlton Heston, „Planet der Affen“) zum Beispiel, der seiner herrschsüchtigen Gattin Romy (Ava Gardner, „Mogambo“) durch eine Affäre mit der alleinerziehenden Gelegenheitsschauspielerin Denise (Geneviéve Bujold, „Coma“) zu entkommen versucht.

Ihnen folgt der Film auf dem Weg ins Chaos. Wie auch dem Polizisten Lew Slade (George Kennedy, „Airport“), der wegen Handgreiflichkeiten gegen einen Kriminellen vom Dienst suspendiert wird. Das verheerende Beben kommt ihnen, ihren Sehnsüchten, Träumen und Sorgen in die Quere. Erst ist es nur ein morgendlicher Vorbote. Dem folgen wissenschaftliche Unkenrufe, denen aber kein Glauben geschenkt wird. Am Ende steht buchstäblich kein Stein mehr auf dem anderen. Weitere Leidtragende sind Lorne Greene („Bonanza“), Richard Roundtree („Shaft“) und Knautschgesicht Walther Matthau („Der Glückspilz“), der, gelistet unter dem fiktiven Namen Matuschanskayasky, einen charmant überflüssigen Auftritt als stoischer Trinker absolviert.

Die zahlreichen Spezialeffekte haben sichtlich Staub angesetzt, verfehlen ihre Wirkung aber auch heute nicht. Wenn sich das Stadtbild unter unvorstellbarer Erdgewalt – und den Wassermassen des schließlich nachgebenden Staudammes – lichtet, der Tod Einzug hält und längst nicht jede der Hauptfiguren mit heiler Haut davonkommt, dann ist auch der Zuschauer ergriffen. Co-Autor Mario Puzo, Verfasser des weltberühmten Romans „Der Pate“, steuert ebenso sein Scherflein zum Erfolg bei wie Komponist John Williams („Star Wars“) und Kameramann Philip H. Lathrop, der auch drei der vier „Airport“-Filme fotografierte. Für den Sound gewann der Film einen Oscar und zudem den Special Achievement Award – Vorläufer des Trick-Oscars – für die visuellen Effekte. Ein verdienter Klassiker und einer der besten Katastrophenfilme der siebziger Jahre.

Wertung: (7 / 10)

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