Don’t Breathe (USA 2016)

„There is nothing a man cannot do once he accepts the fact that there is no God.“ – Nimmt die Schöpfung in die eigenen Hände: der Blinde

Horrorfilme, das haben vor allem die experimentierfreudigen Neunzehnsiebziger gezeigt, funktionieren immer dann am besten, wenn ihnen eine gesellschaftskritische Note anhaftet. Auf diese Weise kettet sich der Schrecken nicht primär an die Fantasie, sondern wird auf einer Spiegelfläche soziopolitischer Befindlichkeiten geerdet. Von diesem Geist kündet auch „Don’t Breathe“, die zweite Hollywood-Regiearbeit des Uruguayers Fede Alvarez. Sein US-Einstand, das gelungene Remake des Splatter-Klassikers „Evil Dead“, verlangte dem Publikum in Sachen Gewalt einiges ab. Das wiederum von Sam Raimi und Robert Tapert („Ash vs Evil Dead“) produzierte Folgewerk hält sich deutlich bedeckter und setzt nach reflexivem Auftakt – man mag den Titel wörtlich nehmen – auf atemlose Spannung.

Detroit, der Ort der Handlung, steht stellvertretend für die Schattenseiten der Globalisierung. Die einst blühende „Motor City“ ist nach der schrittweisen Verlagerung von Produktionsstandorten der Automobilindustrie und einer beständigen Abwanderungstendenz der Einwohner sichtlich heruntergekommen. Manche Stadtteile sind nahezu verlassen, ihr Erscheinungsbild wird von verfallenden Häusern und der tendenziellen Rückeroberung des urbanen Raumes durch die Pflanzenwelt geprägt. Aussicht auf persönlichen Erfolg haben die wenigsten. Auch die Freunde Rocky (Jane Levy, „Suburgatory“), Alex (Dylan Minnette, „Prisoners“) und Money (Daniel Zovatto, „It Follows“) wollen ihr Glück fernab der Heimatstadt suchen. Aus ihrem Umfeld sind ohnehin fast alle Gleichaltrigen bereits fortgegangen. Um ihr Ziel zu erreichen und der Chancenlosigkeit zu entfliehen, beschafft das Trio Geld durch Einbrüche.

Money ist seine White-Trash-Herkunft deutlich anzusehen. Bei Rocky bedarf es eines Blicks auf ihr familiäres Umfeld. Nur Alex wirkt, als habe er die kriminellen Machenschaften nicht nötig. Von seinem Vater, der bei einer privaten Sicherheitsfirma arbeitet, stiehlt er Schlüssel und Abschalt-Codes für Alarmanlagen. Das geht so lange gut, bis das vermeintlich risikoarme Einsteigen ins Haus eines vermögenden blinden Kriegsveterans (Stephen Lang, „Avatar“) in einen Alptraum mündet. Denn als der Heimeigner die Eindringlinge bemerkt und sein wahres Gesicht offenbart, entwickelt sich der Raubzug zum Überlebenskampf. Den präsentiert Alvarez im besten Sinne schnörkellos und egalisiert die mangelnde Glaubwürdigkeit der Entwicklungen durch den (relativen) Verzicht auf haltlose Übertreibung und selbstzweckhafte Gewaltentgleisungen.

Auf perverse Abgründigkeit pocht lediglich der Blick in den versperrten Keller des Blinden, in dem er familiären Verlust nach eigener moralischer Maßgabe zu ersetzen versucht. Als visuelle Extravaganz setzt Alvarez auf Nachtsichteinstellungen und lässt die im Haus festgesetzten Einbrecher zeitweise durch völlige Dunkelheit irren. Das schafft einen wirkungsvollen Kontrast zur Einleitung, in der Tageslicht und satte Farben die Tristesse Detroits ausgestalten. Durststrecken gibt es ungeachtet des überschaubaren Handlungs- und Figurenrahmens keine. Dafür sorgen wohl platzierte Schockmomente und der punktierte Einsatz des bedrohlichen Wachhundes. Wirkung erzeugt auch die genüssliche Zuspitzung bestimmter Szenen, was etwa der bewusstlose Körper auf dem langsam splitternden Deckenfenster verdeutlicht. Eine Revolution des Genres ist „Don’t Breathe“ keineswegs, dafür aber ein gelungener Reißer mit guter Besetzung und einem Finale, das sich alle Möglichkeiten für die längst beschlossene Fortsetzung offenhält.

Wertung: 7 out of 10 stars (7 / 10)

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