Dolores Claiborne (USA 1995)

dolores-claiborneIhre Paraderolle in „Misery“ brachte Kathy Bates einen Oscar ein. Wer sonst hätte danach berufen sein können, auch in der Stephen King-Verfilmung „Dolores Claiborne“ ein Weibszimmer mit Leichen im Keller zu spielen? Jene von Bates gewohnt stark verkörperte Titelfigur nämlich wird des Mordes verdächtigt. Hinterrücks soll sie eine alte Frau die Treppe ihrer einst so glamourösen Villa heruntergestoßen haben, in der Dolores über Jahrzehnte treue Dienste als Haushälterin verrichtete. Der Verdacht wird durch den Postmann bestärkt, der sie mit erhobenem Nudelholz über der Leiche vorfand.

Doch Taylor Hackfords („Zwielicht“) Film ist nur am Rande ein Thriller. Mehr schon ein bemerkenswertes Drama über die Schatten der Vergangenheit. Denn die drohende Anklage treibt Dolores Tochter Selena (Jennifer Jason Leigh, „Short Cuts“), eine erfolgreiche Journalistin, zurück in die Heimat, die wie so oft bei King im zerklüfteten Maine liegt. Der erste persönliche Kontakt nach Jahren fällt entsprechend kühl aus, doch bleibt sie vorerst bei ihrer Mutter. Der örtliche Polizeichef John Mackey (Christopher Plummer, „Malcolm X“) macht die Spurensuche derweil zur persönlichen Hetzjagd, konnte er doch nie seine Theorie beweisen, das Dolores´ verunglückter Mann Joe (David Strathairn, „Good Night, and Good Luck“) von ihr ermordet wurde.

In Vergangenheit und Gegenwart verweben sich die Erzählstränge, wenn nach und nach die Wahrheit über die beiden Todesfälle enthüllt wird. Sicher, Joe war ein brutaler Trinker, aber gleich ein Mord? Die Antworten der einzelnen Fälle bedingen einander und gehen aus der Hassliebe zwischen Dolores und ihrer wohlhabenden Arbeitgeberin Vera Donovan (Judy Parfitt, „Oscar Wilde“) hervor. Die konstante Spannung verdankt Hackford, der das schroffe Moment der Natur stets auch in den Gesichtern der Figuren abzubilden weiß, der großartigen Kathy Bates, der zwischen Verzweiflung und Wut, Liebe und Aufopferung einfach alles zuzutrauen ist.

Perfekt unterstützt wird sie von Jennifer Jason Leigh, die als verbitterter Tablettenjunkie den Blick vor der eigenen Vergangenheit, in der sie von „Dead Like Me“-Star Ellen Muth gespielt wird, verschließt. Erst am Ende wird das bittere Puzzle komplettiert, was in der flammenden Verteidigung der Angeklagten durch ihre Tochter den einzigen Malus bedeutet. Der sich entladende Konflikt mit Mackey, als dessen Assistent John C. Reilly („Magnolia“) in Erscheinung tritt, wirkt arg pathetisch, sogar klischeehaft. Doch Hackfords herausragende Regieleistung, das Skript Tony Gilroys („Michael Clayton“) und die glänzenden Darsteller kaschieren kleine Schwächen meisterlich. Eine so ungewöhnliche wie sehenswerte King-Adaption.

Wertung: (8 / 10)

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