Dogs of Berlin (Staffel 1) (D 2018)

Im deutschen Krimi-Segment gilt der „Tatort“ als das Maß aller Dinge. Zumindest bei der Generation, deren Unterhaltungsprogramm vom herkömmlichen TV-Angebot abhängig ist. Die Etablierung von Streamimg-Dienstleistern wie Netflix oder Amazon Prime haben die Mediennutzung jedoch aus der muffigen Programmabhängigkeit herausgeführt. Dass heimische Serienproduktionen im expandierenden Markt konkurrenzfähig sind, veranschaulicht Netflix nach „Dark“ auch mit „Dogs of Berlin“ und belegt, dass Mörderhatz „Made in Germany“ internationales Format vorweisen kann. Zumindest formal.

Als kreativer Kopf hinter der Auftaktstaffel entführt Christian Alvart („Pandorum“) den Zuschauer in die Schattenseiten der bundesdeutschen Hauptstadt. Dabei gelingt ihm das seltene Kunststück, Berlin von seinen Sehenswürdigkeiten befreit so zu zeigen, wie es ist: ambivalent, zerrissen zwischen Anmut und Abgrund. Dass die oft unmittelbar beieinanderliegenden Handlungsorte in der Realität teils große Distanzen ausmachen, mindert die Wirkung keineswegs. Vielmehr verdeutlicht die künstlerische Freiheit den überlebensgroßen Grundgedanken einer Geschichte, die zwar nachvollziehbare Milieus zeichnet, in der Zusammenführung kaputter Charaktere jedoch meist konsequent unglaubwürdig erscheint. 

Alvart, der bei allen zehn Episoden Regie führte und überdies produzierte sowie an den Skripten mitschrieb, beginnt klassisch: mit einem Mord. Doch der in Marzahn gefundene Tote ist nicht irgendwer, sondern Fußball-Weltstar Orkan Erdem. Das Idol mit türkischen Wurzeln spielte für die deutsche Nationalmannschaft – und sollte am Folgetag eigentlich im Olympiastadion bei einem wichtigen Qualifikationsmatch gegen die Türkei auf dem Platz stehen. Eher zufällig stößt Ermittler Kurt Grimmer (Felix Kramer, „Dark“) zum Tatort und reißt den Fall an sich. Ob der Außenwirkung und der politischen Brisanz wird die eilig eingerichtete Sonderkommission jedoch noch von einem zweiten Polizisten geleitet: dem türkischstämmigen Erol Birkan (Fatih Yardim, „Tschiller: Off Duty“).

Grün sind sich die beiden naturgemäß nicht. Grimmer verpasst dem neuen Kollegen gar vorab ein paar Gesichtsblessuren auf nächtlicher Straße. Inkognito versteht sich. Doch ein Zusammenraufen scheint unabdingbar. Denn die verdächtigten Urheber des Mordes, der den Schmelztiegel Berlin ins Chaos stürzen könnte, sind mächtige Clans: Auf der einen Seite Tarik-Amir, ein von Proll-Gangster Hakan (Sinan Farhangmehr, „Ready to Rumble“) befehligtes Verbrechersyndikat, auf der anderen das illegale Wettimperium von Tomo Kovac (Misel Maticevic, „Babylon Berlin“). Beide Parteien liefern Motive. Damit nicht genug, kommt auch die Beteiligung einer rechtsradikalen Kameradschaft in Betracht. Brisantes Detail: Grimmer war früher selbst Teil der Neo-Nazi-Vereinigung, der noch immer Bruder Ulf (Sebastian Zimmler, „Am Ende ist man tot“) und die herrische Mutter Eva (Katrin Sass, „Good Bye Lenin!“) angehören.

Bereits diese konstruierte Verstrickung macht deutlich, dass die Personengefüge in „Dogs of Berlin“ aufgebauscht komplex sind – noch dazu absurd übersteigert. Doch die Serie funktioniert, dank einer rastlosen Erzählung und – teils holprigen Dialogen zum Trotz – der starken Besetzung (in einer relevanten Nebenrolle: Bernd Michael Lade, „Ballon“). Der spielsüchtige Grimmer, der die scheinbar perfekte Gattin Paula (Katharina Schüttler, „Vaterfreuden“) mit der versoffenen, alleinerziehenden Bine (Anna Maria Mühe, „Jugend ohne Gott“) betrügt, setzt dem zeitgenössischen Klischee des problembeladenen Ordnungshüters die Krone auf. Zwangs-Partner Erol, der nur zum Fall hinzugezogen wird, weil er türkischer Abstammung ist, scheint weniger ambivalent. Dafür ist er homosexuell. Das bringt familiären Zündstoff mit sich.

Geschichten über ungleiche Cops, die ihre Differenzen überwinden müssen, gibt es zuhauf. Trotzdem bietet Alvart keinen klassischen Buddy-Stoff. Dafür arbeiten die zuständigen Ermittler einfach zu häufig gegeneinander. Dass die Spurensuche ohnehin weitgehend von Zufällen getrieben ist, fügt sich passend ins Gesamtbild ein. Die üppige Fülle an Nebenplots hätte es derweil kaum gebraucht. Das gilt vorrangig für Paulas Konflikt mit einer kriminellen Angestellten, die in eine Affäre mit dem sensiblen Motorrad-Rocker Murathan (Renato Schuch, „Teufelsmoor“) mündet. Oder das Bestreben von Gangster-Laufbursche Murad (Mohamed Issa, „Beat“), mit Hilfe von Hakans Cousin Raif (Samy Abdel Fattah, „Der Lehrer“) als Rapper durchzustarten (einschließlich Gastauftritten von Szene-Größe Haftbefehl).

Mehr Sinn, zumindest für die zunehmend gewaltreich ausgetragenen Streitigkeiten, stiftet da schon das intrigante Vorgehen von Hakans in der Syndikats-Hierarchie zurückstehendem Bruder Karim (Kais Setti, „Oray“). Er befeuert einen bleihaltigen Showdown, der den von Tarik-Amir beherrschten, frei erfundenen Kiez „Kaiserwarte“, als No-Go-Area plakativ mit Sprühfarbe gekennzeichnet, in Rauch aufgehen lässt. Selbst der nationale Fußballbund bekommt zwischen Spielmanipulationen und Verschleierung sein Fett weg, wenn Miet-Agentin Trinity (Hannah Herzsprung, „Steig. Nicht. Aus!“) hinter den Kulissen zur Tat schreitet. Die Überfrachtung von „Dogs of Berlin“ lässt sich keineswegs wegdiskutieren. Ebenso wenig der trashige Hang zu maßloser Übertreibung. Der dreckige Anstrich und das stattliche Tempo machen die streitbare Reihe dennoch zum echten Erlebnis. Ob positiv oder negativ hängt allein davon ab, ob der Zuschauer bereit ist, die Gaga-Prämisse zu akzeptieren.

Wertung: (7 / 10)

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