Dirty Harry (USA 1971)

dirty-harryDie krasse Welt des schmutzigen Harry schrieb Kinogeschichte: Sein Name ist Callahan, Harry Callahan. Das Jagdgebiet des misanthropischen Cops ist San Francisco. Hier begegnet er tagtäglich verkommenen Subjekten, menschlichem Abschaum und sozialer Verödung. Verändern kann er nichts, da gibt er sich keinerlei Illusion hin. Er liest lediglich die Scherben einer Gesellschaft auf, die in steigender Kriminalität aus den Fugen gerät. Als Mann von altem Schrot und Korn sind seine Methoden so brutal wie fragwürdig. Aber sie sind von Erfolg gekrönt. Das macht ihn schier unersetzlich.

Nachdem er im Western seinen Durchbruch gefeiert hatte, variierte Clint Eastwood („Für eine Handvoll Dollar“) das Image des schweigsamen Revolvermannes. Anfang der Siebziger wandelte sich das Bild der amerikanischen Sozietät. Bedingt durch die 68er wurde der Geist freier, die Moral lockerer, der Widerstand größer. Auch in Hollywood. Mit diesem Wandel einher ging das Bild der Obrigkeit. Polizisten waren nicht länger dem Schema des zwangsläufig aufrechten Ordnungshüters unterworfen, sie offenbarten selbst Schattenseiten und bedienten sich Ansichten, die ihrem Stand offen widersprachen.

Mit seinem großkalibrigen Revolver – ein Schelm, der da den Phallus wähnt – fegt „Dirty Harry“ den Schmutz von der Straße. In dieser sich rasant wandelnden Welt wirkt er wie ein einsamer Fels, ein ausrangierter Western-Sheriff, der sich nur noch mit Waffengewalt im Hier und Jetzt halten kann. Über soziale Kompetenzen verfügt er keine. Der Zyniker bewahrt die Gesellschaft auf seine Art vor dem Untergang. Sehr zum Leidwesen von Vorgesetzten und Kollegen. Doch ist gerade er es, der dem wahnsinnigen Serienmörder Scorpio (Andrew Robinson, „Hellraiser“) – angelehnt an den nie gefassten Zodiac-Killer – das Handwerk legen soll.

Unter der Regie von Altmeister Don Siegel („Ein Fressen für die Geier“) läuft Eastwood zu Hochform auf. Mit stoischer Miene und locker sitzendem Colt, dazu legendären Einzeilern wie „Do you feel lucky, Punk?“, ist er der Gegenentwurf eines John Wayne. Den Selbstjustizvorwurf kann der Film bis heute nicht entkräften, doch stellt Callahan den Bösen nie mit Vorsatz nach. Seine Sprache ist Ausdruck der sozialen Umstände, wobei er selbst auf wenige Eigenschaften reduziert bleibt. Wie auch sein Gegenspieler, der aus rassistischen Motiven handelnde Killer, dessen Verurteilung die Methoden des kompromisslosen Cops konterkarieren.

Wegen Misshandlung sind die Beweise gegen Scorpio nichtig, woraufhin der sich noch gegen Bezahlung zusammenschlagen lässt, um den verhassten Harry aus dem Dienst zu räumen. Dramaturgisch ist der Film mitunter etwas flach. Allen voran, wenn der psychopathische Killer am Ende doch nicht aus seiner Haut kann, einen Laden überfällt und einen mit Kindern gefüllten Schulbus kapert. Doch mit Callahan im Nacken kommt es schlussendlich, wie es kommen muss. Der schießwütige Bulle wurde zur Ikone des Kinos. „Dirty Harry“ ist so spannend wie brutal, die Bilder ungeschönt und dem Tenor der frühen Siebziger entsprechend. Ein umstrittener, ein stilbildender und schlicht unvergesslicher Reißer.

Wertung: (9 / 10)

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