Die Wolke (D 2006)

die-wolkeDer Umgang mit Atomenergie ist immer ein heißes Thema. Gerade heute, wo Nuklearterrorismus als ständige Bedrohung durch den Blätterwald geistert, während innerdeutsche Regierungschefs offen die Umkehr des von der Vorgängerregierung beschlossenen Atomausstiegs fordern und sich zu allem Überfluss noch die Katastrophe von Tschernobyl zum 20. Mal jährt, ist das Thema an Brisanz wohl kaum zu überbieten. Da ist die Zeit wohl reif für einen der engagiertesten, eindrucksvollsten und auch besten deutschen Filme der letzten Jahre. „Die Wolke“ nach dem Roman von Gudrun Pausewang.

Hannah (Paula Kalenberg, „Kabale und Liebe“) ist ein typisches 16-jähriges Mädchen aus der mitteldeutschen Provinz. Sie sieht nett aus, ist von ihrem kleinen Bruder Uli (Hans-Laurin Beyerling, „Mein Bruder ist ein Hund“) gelegentlich genervt und hat ein Auge auf ihren Klassenkameraden Elmar (Franz Dinda, „Am Tag als Bobby Ewing Starb“) geworfen. Doch als die beiden sich endlich näher kommen, passiert es. Im nahe gelegenen Atomkraftwerk kommt es zu einem Unfall. Hannah macht sich mit ihrem kleinen Bruder auf, um die verseuchte Gegend zu verlassen. Doch auf den Straßen herrscht das reine Chaos – und die nukleare Wolke kommt immer näher.

„Die Wolke“ beginnt vollkommen unspektakulär. Wie ein seichtes, bestenfalls sympathisches und äußerst leichtes Stück Unterhaltungskino. Wir sehen Hannah und ihre beste Freundin beim Schwimmen, wie Elmar sich bedeutend dämlich anstellt, um seine Hannah rumzukriegen oder die alltäglichen häuslichen Gefechte zwischen Hannah, ihrer Mutter und ihrem Bruder. Doch eben diese Leichtigkeit macht den bald folgenden Bruch umso brutaler und eindrucksvoller. Denn als der Unfall im Atomkraftwerk passiert, kippt die fröhliche Stimmung in ein extrem aufwühlendes und düsteres Stück Film.

Dabei ist Regisseur Gregor Schnitzler dem Publikum gegenüber geradezu gnadenlos. Das Chaos auf den Straßen nimmt keinerlei organisierte Formen an, wie in deutschen Katastrophenfilmen sonst so üblich. Von toten Kindern bis Massenpaniken und Aufstände gegen die Polizei ist hier alles dabei. Man muss sich manchmal die Augen reiben, wenn einem ins Gedächtnis gerufen wird, dass dieser kompromisslose Film vom gleichen Regisseur wie das bestenfalls erträgliche Schmunzelstück „Soloalbum“ inszeniert worden ist.

Auf der emotionalen Ebene jedenfalls gehört „Die Wolke“ zum Besten, was der deutsche Film in den letzten Jahren hervorgebracht hat. Aufnahmen der Katastrophe spart sich der Film in weiser Voraussicht. Das Atomkraftwerk ist nicht einmal zu sehen. Das ist auch gar nicht nötig. Denn die jungen Darsteller, allen voran Paula Kalenberg, die mit dem ebenfalls sehr guten Franz Dinda eine unglaubliche Leinwandpräsenz erreicht, füllen ihre Rollen brillant aus. Ihren emotionalen Stärken ist es zu danken, dass der Film nie in den Kitsch abrutscht, was angesichts der Handlungsentwicklung durchaus möglich gewesen wäre.

Auch das beinahe optimistische Ende unterstreicht den durchweg positiven Eindruck, den „Die Wolke“ hinterlässt. Als dann schließlich vor dem Abspann eine Einblendung auf eine meldepflichtige Störfallzahl im dreistelligen Bereich in deutschen Atomkraftwerken im Jahr 2004 hinweist, ist klar, dass es sich hier nicht nur um einen großartigen Katastrophenfilm handelt, sondern um einen gelungenen Kommentar zur aktuellen Diskussion um längere Laufzeiten oder sogar Neubauten von Atomkraftwerken. „Die Wolke“ jedenfalls ist ein wunderbarer deutscher Film, der das Prädikat „Besonders Wertvoll“ völlig zu recht trägt.

Wertung: (8 / 10)

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