Die Welle (D 2008)

die-welleDer Deutschen größter Alptraum ist die Wiedererrichtung des Naziregimes. Aber ist das überhaupt möglich, lässt sich unsere Demokratie und damit verbunden das Grundgesetz einfach so außer Kraft setzen? Und wie funktionieren eigentlich die Verblendung der Massen und ihre ideologische Gleichschaltung? Gymnasiallehrer Rainer Wenger (Jürgen Vogel, „Der freie Wille“), Kind der 68er-Bewegung, wagt während einer Projektwoche zum Thema Autokratie den Versuch. Die Skepsis seiner Schüler weckt in ihm den Forscherdrang. Man sei heute viel zu aufgeklärt, um einem diktatorischen Machtapparat den Weg zu ebnen, sagen sie. Wenger beweist das Gegenteil. Mit verheerenden Folgen.

Todd Strassers unter dem Pseudonym Morton Rhue verfasstes Buch „Die Welle“ ist einer der großen Klassiker der Schulliteratur. Basierend auf Begebenheiten, die sich 1967 tatsächlich in einer amerikanischen High School zutrugen, schildert er den Verlauf jenes außer Kontrolle geratenen Experiments zur Veranschaulichung der Wirkmechanismen von Totalitarismus. 1981 verfilmte Alexander Grasshoff den Stoff erstmals – als Version fürs US-Fernsehen. Bald 30 Jahre später wagt sich Regisseur und Co-Autor Dennis Gansel („Napola – Elite für den Führer“) an eine modernisierte Fassung des Stoffes und verknüpft stimmig Zeitgeist mit Jugendkultur.

Die ob mangelnder Wertverbundenheit und moralischen Verfalls oft gescholtene Generation der Post-Pubertären wird trotz Stereotypen in glaubhafter Akribie porträtiert. In der Schule schließlich werden Cliquen aufgebrochen, Verhaltensregeln aufgestellt und die Individualität durch Einheitskleidung minimiert. Die Pennäler sind Feuer und Flamme. Der Wandel schürt das Gemeinschaftsgefühl, tilgt soziale Unterschiede und offenbart die Kraft einer organisierten Masse. Dem eigenen MySpace-Profil folgt ein Wappen, dem wiederum ein eigener Erkennungsgruß. Stück für Stück wird die Bedeutung des Einzelnen egalisiert. Bis Wenger die Kontrolle über den Versuch entgleitet.

Beizeiten scheint Gansel zwischen Polit-Statements zur Weltlage und häuslichen Alltagsproblemen zu viele Aspekte sozialer Befindlichkeit in seinen Film integrieren zu wollen. Das starke Ensemble und die Nähe zum Puls der Zeit aber überspielen kleine Schwächen mit Leichtigkeit. Die Veränderung einzelner Protagonisten bestimmt das Geschehen. Da ist Sportler Marco (Max Riemelt, „Der rote Kakadu“), der die Bewegung als Ersatzfamilie betrachtet, oder Außenseiter Tim (Frederick Lau, „Der Freischwimmer“), der sich endlich integriert fühlt. Nur Marcos Freundin Karo (Jennifer Ulrich, „Die Wolke“) wird die Entwicklung zusehends unheimlich. Ihre Rebellion zieht Konsequenzen nach sich.

Am Ende, wenn die Gruppendynamik in Vandalismus und Unterdrückung Außenstehender umgeschlagen ist, versucht Wenger, dessen charakterliche Entwicklung im weiteren Verlauf zu kurz kommt, die zur Woge angewachsene Welle zu glätten. Dabei gehen die Macher einen dramaturgisch wesentlichen Schritt weiter als die Vorlage. Diese Zuspitzung wirkt nicht zwingend nötig, doch veranschaulicht sie gerade für ein jüngeres Publikum die potentielle Eskalation des politischen Entwurfs. „Die Welle“ wird damit zu einem wichtigen Beitrag in der Diskussion um Wertevermittlung und Ethik. Ein bedrückendes und gleichsam entwaffnendes Drama.

Wertung: (8 / 10)

scroll to top