Die weiße Göttin der Kannibalen (I 1978)

die-weisse-goettin-der-kannibalen„New Guinea is perhaps the last region on earth which still contains immense unexplored areas, shrouded in mystery where life has remained at its primordial level. Today, at the dawn of the space age, it seems unimaginable that only twenty hours’ flight from London there still exists such a wild and uncontaminated world. This story bears witness that it does.” – Einleitung der US-Fassung

Der Dschungel Neu Guineas ist eine fremdartige Welt. Eine bedrohliche noch dazu, daraus macht Sergio Martino („Die Insel der neuen Monster“) keinen Hehl. Sein verrufener Abenteuerfilm „Die weiße Göttin der Kannibalen“ beginnt mit wenig einladenden Auszügen der animalischen Vielfalt. Ein Tier attackiert das andere, selbst die Riesenschildkröte geht gegen den Alligator ohne Furcht zum Angriff über. Wo steht da wohl der Mensch? Nun ja, er wird dem Ruf als grausamstes aller Raubtiere wieder mehr als gerecht – und das nicht nur aufgrund der berüchtigten Tiertötungen zum Zwecke der Unterhaltung.

Die Geschichte dreht sich um eine verhängnisvolle Expedition in besagte Wildnis, wo Susan (mit viel Gekreische: Ursula Andress, „James Bond jagt Dr. No“) ihren Ehemann, den Anthropologen Henry, sucht. Mit Bruder Arthur (Antonio Marsina, „Keoma“) engagiert sie Professor Edward Foster (Stacey Keach, „Long Riders“), der den Gesuchten auf einem Inselmassiv vermutet, das von den Einheimischen als verflucht angesehen wird. Der Weg dorthin ist mit Taranteln und Alligatoren bereits ausreichend gefahrvoll bestückt, was die Musik von Guido und Maurizio De Angelis („A Blade in the Dark“) atmosphärisch untermalt.

Nachdem ihre einheimischen Begleiter der Reihe nach ihr Leben lassen mussten – Krokodile, tückische Fallen und die Machete eines maskierten Verfolgers leisten zuverlässige Dienste –, treffen sie auf Manolo (Claudio Cassinelli, „Der Fluss der Mörderkrokodile“), der Susan das Leben rettet. Je näher sie ihrem Ziel kommen, desto mehr scheinen sich Edwards zunächst als Fantastereien abgekanzelte Schilderungen über die als ausgestorben geltenden Puka, ein einst gefürchteter Kannibalenstamm, zu bestätigen. Tatsächlich wird die Gruppe auf der Bergspitze von den Eingeborenen gefangen genommen und auf den Speiseplan gesetzt. Oder, wie im Fall der blonden Susan, als Gottheit erachtet.

Als einer der besseren Beiträge zur Kannibalenwelle reduziert Martino das Thema nicht allein auf die Grausamkeit befremdlicher Rituale, sondern versucht sich an einem zusammenhängenden Plot mit (konstruiert) mehrschichtigen Figuren. Die Tiertötungen wirken so überflüssig wie eh und je, dafür punktet der ansprechend fotografierte Schocker durch die überraschend namhafte Besetzung und ein konstant unbehagliches Stimmungsbild. Ihren Beitrag leistet, neben Gewalt und Eingeweidewühlerei, auch eine groteske Sodomie-Sequenz, in der ein Eingeborener ein gewaltiges Schwein penetriert. Hierzulande beschlagnahmt und in Großbritannien als „Video Nasty“ in Verruf gebracht, sollten immerhin Freunde von gehobenem Italo-Sleaze auf ihre Kosten kommen.

Wertung: 6 out of 10 stars (6 / 10)

Ähnliche Beiträge

  • Tower Block (GB 2012)

    Die Gentrifizierungsprozesse in urbanen Ballungsgebieten vergrößern die Kluft zwischen Arm und Reich. Bezahlbarer Wohnraum wird zunehmend rar und Menschen mit geringem (oder gar keinem) Einkommen, die den Bauplänen der Investoren im Wege stehen, werden an den Rand von Stadt und Gesellschaft gedrängt. Aber was, wenn selbst dort die Abrissbirne kreist? Der britische Thriller „Tower Block“…

  • Skinwalkers (USA 2006)

    Filme mit einleitenden Texttafeln sind meist großer Mist. Entweder fehlen ihnen die Mittel, den in Worten breit gewalzten Vorlauf angemessen in Szene zu setzen, oder es mangelt ihnen an inhaltlicher Qualität. Beim drögen Werwolf-Clinch „Skinwalkers“ kommen beide Aspekte zum Tragen. Der sichtlich auf Kurzweil gestutzte Stoff wirkt wie das Finale einer wesentlich längeren Geschichte. „Jason…

  • Babylon A.D. (F/GB/USA 2008)

    Die Welt von morgen ist am Arsch. Mal wieder. Europas Osten ist Brutstätte von Terror und Anarchie, ihren Schnitt im Chaos machen nur Waffenschieber und Söldner. Das ist alles nicht neu und doch beeindruckt die Direktheit, mit der der französische Regisseur Mathieu Kassovitz („Die purpurnen Flüsse“) seine bierernste Dystopie „Babylon A.D.“ ausstopft. Bombenanschläge werden als…

  • Bring mir den Kopf von Alfredo Garcia (USA/MEX 1974)

    Der am 21. Februar 1925 in Fresno geborene Regisseur und Autor David Samuel Peckinpah hat das Kino der Moderne wie kaum ein zweiter geprägt. Dabei wehten dem exzentrischen wie gefürchteten Filmemacher nicht selten stürmische Winde des Protestes entgegen. Umstrittene Klassiker wie „The Wild Bunch“ (1968) oder „Steiner – Das eiserne Kreuz“ (1977) unterstrichen Peckinpahs Ruf…

  • Die Vermessung der Welt (D/A 2012)

    „Forschung ist Bewegung, die nie zu einem Ende kommt.“ – Alexander von Humboldt Das deutsche Kino bleibt ein zweischneidiges Schwert. Trefflich versteht es sich auf die Beobachtung sozialer Milieus oder unprätentiöse Schilderungen persönlicher Schicksale. Als Repräsentant dieser Ausrichtung kann stets Andreas Dresen („Halt auf freier Strecke“) herangezogen werden. Auch, weil er diesem noch immer ausgeprägten…

  • Feast (USA 2005)

    „It doesn´t matter where they fucking came from. They´re here. Either we kill them or they´ll kill us. That´s it.” – Heroine Im Horror unkt es mal wieder Kultfilm. Dazu braucht es nur einen Streifen, der seiner Klientel mehr gibt als zu erwarten wäre, der sich selber nicht allzu ernst nimmt und der geschmackliche Grenzen…