Die üblichen Verdächtigen (USA 1995)

die-ueblichen-verdaechtigen„The greatest trick, the devil ever pulled, was convincing the world he didn´t exist.” – Verbal

Der Hafen gleicht einem Schlachtfeld. Auf dem Pier liegen Leichen verstreut. Über dem Frachtschiff schwebt der Rauch eines verheerenden Brandes. Es gibt einen Überlebenden, Verbal Kint, den plappernden Krüppel. Gespielt wird er von Kevin Spacey („American Beauty“), der zu Recht den Oscar als bester Nebendarsteller erhielt. An ihm klebt eine Geschichte, die er in Rückblicken selbst erzählt. Sein gegenüber ist Agent Kujan (Chaz Palminteri, „In den Straßen der Bronx“) von der Zollbehörde. Denn an Bord des Schiffes soll sich Kokain im Wert von 83 Millionen Dollar befunden haben. Aber wo ist es hin?

Bryan Singer („X-Men“) schuf mit „Die üblichen Verdächtigen“ einen wahrhaft meisterlichen Thriller. Dessen Autor Christopher McQuarrie wurde ebenfalls mit dem Oscar ausgezeichnet. Schein und Sein der Verstrickungen reichen weit – und gehen zurück auf eine fingierte Gegenüberstellung in New York. Dort wurde ein Transporter mit Waffen entwendet. Normalerweise würde die Polizei bekannte Kleinganoven zum Verhör laden. Aber diesmal ist es anders. Dean Keaton (Gabriel Byrne, „Spider“), früher selbst Polizist, wenn auch korrupt, ist in Verbrecherkreisen ein Mann mit Ruf. Neben ihm stehen Todd Hockney (Kevin Pollack, „Truth or Consequences“), Michael McManus (Stephen Baldwin, „Fled“), dessen Kumpel Fred Fenster (Benicio del Toro, „Traffic“) und jener Verbal Kint.

Die Anschuldigungen sind fadenscheinig. Aber wo man schon mal zusammen in der Zelle sitzt, kann man ja schon mal über den Plan eines gemeinsamen Verbrechens plaudern. So werden die ungleichen Männer zu Partnern. Zwei Coups später stattet ihnen ein gewisser Kobayashi (Pete Postlethwaite, „Schiffsmeldungen“), ein undurchsichtiger Anwalt, einen folgenschweren Besuch ab. Er übergibt ihnen Akten, in denen sie ihre Lebensläufe bis ins Detail wiederfinden. Ein jeder von ihnen würde durch verschiedene Raubzüge in der Schuld des legendären Verbrechers Keyzer Soze stehen. Um sich von dieser Schuld reinzuwaschen, sollen sie in einem Himmelfahrtskommando ein schwer bewachtes Schiff erstürmen, in dessen Frachtraum sich Drogen im Wert von 83 Millionen Dollar befinden sollen.

Die raffinierte Erzählweise, ihr Spiel mit verschiedenen Realitäten, nicht zuletzt die Frage, ob Superschurke Keyzer Soze überhaupt existiert, machen „Die üblichen Verdächtigen“ zu einem extraordinären Thriller. Soze wird zum Synonym für Unantastbarkeit. Niemand kennt sein Gesicht. Oder doch? Neben Verbal wurde ein schwer verletzter Ungar aus dem Hafenbecken gezogen. Im Delirium spricht er von Soze, dem Teufel, der das Hafenmassaker angerichtet habe. Der große Unbekannte ist eine Spukgestalt, eine Sage die Angst einflößt. Er ist der moderne Dr. Mabuse, ein Strippenzieher, der Menschen ohne ihr Wissen nach seiner Pfeife tanzen lässt.

Formal kann Singer das knappe Budget, insgesamt nur 5 Millionen Dollar, nicht immer verbergen, will dies im Sinne des klassischen Independent-Kinos aber auch nicht. Die Vorhersehbarkeit des formelhaften Genrefilms fehlt, Anleihen beim Film Noir sorgen für die Verwischung moralischer Grenzen. Das Gangsterquintett handelt gesellschaftlich nonkonform und verfügt dennoch über sympathische Wesenszüge. Nur so kann der Regisseur die Spannung um die deduktive Schlüsselfrage nach dem „Whodunnit?“ konstant aufrecht erhalten. Das Finale indes verblüfft, packt auch bei mehrmaliger Rezeption und hält eine der wirksamsten Plotwendungen des gesamten Genres bereit. Vergessen, so viel steht fest, wird man diesen Film so schnell nicht mehr.

Wertung: 9 out of 10 stars (9 / 10)

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