Die Kassierer – Männer, Bomben, Satelliten (2003, Energie Musikverlag)

die-kassierer-maenner-bomben-satellitenDIE KASSIERER sind nicht nur die populärsten Einwohner des Bochumer Stadtfurunkels Wattenscheid, sondern gleichwohl auch eine der bekanntesten wie beliebtesten Punkbands Deutschlands. Angesichts der neuen Rektalgeburt des tabulosen Quartetts, „Männer, Bomben, Satelliten” betitelt, dürfte diese ohnehin antiquierte kulturelle Einschätzung des Landes der Dichter und Denker jedoch einen (weiteren) vernichtenden Tritt in die siechenden Eingeweide erhalten haben. Schließlich vergreifen sich die vier Herren aus der Dunstglocke des Ruhrpotts einmal mehr an diversen Ausläufern des guten Geschmacks.

Denn mit den KASSIERERN verhält es sich zur Musikszene in etwa gleichgeartet wie mit dem St. Pauli-Report zur hiesigen Magazinwelt, will heißen diese objektiv betrachtet einzig auf fäkale Ferkeleien fixierte Ausdrucksform urinaler Natur präsentiert sich einzig zugeschnitten auf Zwangsalkoholiker und asoziale Hurenböcke. Auf der anderen, indes weitaus gewichtigeren Seite jedoch dürfte im Angesicht von „Männer, Bomben, Satelliten” selbst dem größten musikalischen Feingeist ein Tränchen freudigen Amüsements aus gewässerten Äuglein die rosigen Wangen tränken, setzen die KASSIERER doch in gewohnter Übersteigerung und musikalischem Mittelmaß zum kulturellen Rundumschlag an.

Songs wie der Opener „Ich bin faul”, „Partylöwe”, „Schnaps und Bier”, „Das Lied vom Hass”, „Kommste mit ins Stadion”, „Das schlimmste ist, wenn das Bier alle ist” oder „Meine Interessen” überrunden niveaugemäß zwar nicht die besungenen Abgründigkeiten vergangener Tage. Jedoch schließt diese dezente Zurückhaltung ästhetischer Querschläger freudige Gesänge wie „Mein schöner Hodensack”, „Hoch den Rock, rein den Stock” oder „Für Udo”, allesamt in schmucker tradition der „Stinkmösenpolka” oder „Blumenkohl am Pillemann”, nicht aus. Plumpe Schockierung geht vom neuesten Wurf der KASSIERER aber nur sekundär aus. Im Vordergrund steht einmal mehr die musikalische Persiflierung diverser Stilgattungen. So vereinen Wölfi, Mitch Maestro, Nikolaj Sonnenscheiße und Volker Kampfgarten im Gefüge der 21 Stücke Elemente aus den Bereichen Schlager, Folklore, Polka, Chanson, Country und Punk, obendrein angereichert mit schwungvollen Bläserelementen.

Dabei malträtiert das Viergestirn in „Meister aller Fotzen” den Stilismus von RAMMSTEIN, gibt mit „How Does It Feel?” wieder einmal erwählten englischsprachigen Worten tiefsinnigsten Ursprunges den Vorrang, watscht in „Das politische Lied” innerhalb von zwei Sätzen die Regierung Schröder ab und vertont mit „Kuckuck!” gar Klänge des Räusperns zu einem Part individuellen Liedgutes. „Die Pisse von Rudi Carrell” beschreitet zudem erneut das instrumentale Terrain von „Die Scheide von Kristiane Backer”. Seit 18 Jahren meißeln die KASSIERER nun schon an ihrem persönlichen Denkmal in den Untiefen des deutschen Musikzirkus, 15 Jahre sind seit Erscheinen des Erstlings „Sanfte Strukturen” ins Land gezogen. In dieser Epoche vorgetragenen Unsinns hat sich das Quartett zur wahren Institution gemausert, ihren Weg stets der Linie treu beschritten.

Diese Richtung hat Bestand, so dass die KASSIERER mit „Männer, Bomben, Satelliten” nicht nur ihnen ergebene Anhänger benebeln werden, sondern mit Sicherheit auch derartiger Deliriumsweisheiten gegenüber als jungfräulich einzuordnende Gehörgänge zu überzeugen wissen. Im Grunde jedoch zählt einzig, die eingefleischte Zielgruppierung solcherlei anstößigem, am Bodensatz jedoch eher harmlosem Unfug, befriedigt zu sehen. Der Rest kann eigentlich Kacken gehen! Oder, um mit den Worten der geschätzten Herren Bewahrer des schlechten Geschmackes selbst zu schließen: „Ich möcht so gerne mit deinem Gesicht mir meinen Arsch abwischen – was sachste dazu?”

Wertung: 7 out of 10 stars (7 / 10)

 

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