Die Familie mit dem umgekehrten Düsenantrieb (J 1984)

die-familie-mit-dem-umgekehrten-duesenantriebDie Floskel des „umgekehrten Düsenantriebs“ steht für Wahnsinn, Sogo Ishiis „Familie mit dem umgekehrten Düsenantrieb“ ist deren Verkörperung. Bereits 1984 gedreht und wenige Jahre später unter dem Titel „Die total verrückte Familie“ in Deutschland veröffentlicht, kommt der Film zwei Jahrzehnte und mehrere TV-Ausstrahlungen später endlich zu Ehren einer DVD-Auswertung. Die sarkastische Farce ist ein Klassiker des modernen japanischen Kinos und wird nicht selten als Grundstein dessen provokanter Ausrichtung der Gegenwart verstanden. Takashi Miikes drastisch überspitzte Sozialfabel „Visitor Q“ (2001) stellt zum Beispiel einen deutlichen Bezug zu Ishiis gewagtem Angriff auf den heiligen Schoß der Familie her.

Im Mittelpunkt steht die Familie Kobayashi. Um der fortschreitenden Abstumpfung seiner Lieben Einhalt zu gebieten, kauft Vater Katsuhiko (Katsuya Kobayashi, „Revolver“) ein Eigenheim in einem Vorort von Tokio. Durch die Flucht aus der Großstadtwohnsiedlung hofft der kleinbürgerliche Büroangestellte, die Zivilisationskrankheit der Angehörigen besiegen zu können. Als sich Katsuhikos Vater Yasukune (Hitoshi Ueki, „Ran“) bei ihnen einnistet, entgleiten dem Sippschaftsvorstand allmählich die Zügel aus den behütenden Händen.

„Die Familie mit dem umgekehrten Düsenantrieb“ ist eine bissige Gesellschaftssatire, die das Bild familiärer Geborgenheit mit den Neurosen der Massengesellschaft genüsslich zerpflückt. Katsuhiko ringt zwischen Sorge um das Wohl von Frau und Kindern mit Termiten und verwandelt das Esszimmer in eine Großbaustelle, um dem hyperaktiven Großvater ein eigenes Kellerzimmer zu errichten. Sohn Masaki (Yoshiki Arizono, „The Happiness of the Katakuris“) mutiert im Lernübereifer zum soziopathischen Exzentriker, Tochter Erika (Youki Kudoh, „Die Geisha“) bereitet sich zweigleisig auf eine Karriere als Sängerin oder Catcherin vor und Mutter Saeko (Mitsuko Baisho, „Akira Kurosawas Träume“) legt im vollbesetzten Wohnzimmer einen Striptease aufs Parkett. Die Verhaltensweisen der Beteiligten werden immer absonderlicher, bis es für Katsuhiko nur noch einen Ausweg gibt: kollektiven Selbstmord.

Der fortschreitende Verfall familiärer Wertvorstellungen entlädt sich in einer wüsten Auseinandersetzung, bei der sich die zu einem Knäuel erbitterter Feindschaft verknoteten Anverwandten bis aufs Blut bekämpfen. Die Figuren fallen wie entfesselt übereinander her, offenbaren inzestuöse Gelüste und erfahren innere Reinigung durch kathartische Selbstzerstörung. Weltkriegsveteran Yasukune trägt volle Militärmontur auf, während Katsuhiko mit dem Gesteinsbohrer auf den Filius losgeht. In dieser galligen Klimax seziert Sogo Ishii („Electric Dragon 80.000 Volt”) die Klischees der Familien-Komödie und verteilt nebenbei zahlreiche Hiebe in Richtung Knute der Konsumgesellschaft. Ungeachtet seines haarsträubenden Titels ist der Film ein meisterliches Zerrspiegelbild soziokultureller Charakteristika und eine garstige Unterhaltungsgranate mit reichlich Zündstoff.

Wertung: (8 / 10)

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