Die fabelhafte Welt der Amelie (F/D 2001)

die-fabelhafte-welt-der-amelieSich dem faszinierenden Mikrokosmos eines Filmes des französischen Regie-Virtuosen Jean-Pierre Jeunet entziehen zu wollen, hieße Mauern mit dem bloßen Haupt einrennen zu wollen. Sprich: ein unmögliches Unterfangen. Den endgültigen Beweis dieser Kunstfertigkeit legt Jeunet mit „Die fabelhafte Welt der Amelie“ ab. Der Überraschungserfolg des Kinojahres 2001 (mal abgesehen von „Der Schuh des Manitu“), allein in Deutschland mit mehr als 1,3 Millionen Besuchern bedacht, blieb auch in Amerika nicht unbemerkt und wurde letztlich mit drei Oscar-Nominierungen geadelt. Dass den größten internationalen Filmpreis (für kommerzielles, politisch korrektes Kino) andere mit nach Hause nahmen, dürfte dem Regisseur angesichts des weltweiten Erfolges egal gewesen sein.

Dabei hatte Jeunet im Jahre 1997 schon einmal selbst Hollywood-Luft geschnuppert, als ihm die Regie von „Alien: Resurrection“ übertragen wurde. Der steile Aufstieg des Kino-Magiers begann 1991 mit seinem vielbeachteten Debutfilm „Delicatessen“, einer galligen, schwarzhumorigen Groteske, die er zusammen mit dem für die künstlerische Leitung verantwortlichen Marc Caro inszenierte. 1995 folgte mit „Die Stadt der verlorenen Kinder“ ihre zweite – und bislang letzte – Zusammenarbeit. Der fantasieüberladene Budenzauber scheiterte allerdings an der Überfrachtung der Ausstattung und der außer Acht gelassenen Vielschichtigkeit der Protagonisten. Doch auch diese Talsohle künstlerischer Befangenheit lässt Regisseur Jean-Pierre Jeunet mit „Amelie“ hinter sich, spricht sein vierter Streich aufgrund der perfekten Symbiose von Schauspielkunst und optischer Finesse doch Kopf und Bauch gleichermaßen an.

Amelie Poulain (Audrey Tautou) ist wahrlich nicht wie alle anderen. Das wird bereits bei kurzer Betrachtung ihrer Kindheit klar. Durch einen falsch diagnostizierten Herzfehler geht die kleine Amelie nie zur Schule, sondern wird von der eigenen Mutter unterrichtet. Die Folge ist, dass sie niemals Kontakt zu anderen Kindern hat. Diese Vereinsamung, geschürt durch die kühle Distanz ihrer Eltern, lässt sie in ihre eigene Welt flüchten, in der sie lernt, die kleinen Dinge und Details des Lebens zu lieben. Einige Jahre später arbeitet die junge Frau, jetzt Anfang 20, in einem Pariser Bistro am Montmartre, umgeben von skurrilen und neurotischen Gestalten. Durch Zufall entdeckt Amelie hinter einer lockeren Fliese in ihrem Badezimmer ein kleines Kästchen, offenbar 40 Jahre zuvor von einem Jungen versteckt.

Aus naiver Neugier (und Langeweile) beschließt sie, den Besitzer des „Schatzes“ ausfindig zu machen. Vom Ergebnis des Unterfangens sichtlich beflügelt, macht sich Amelie daran, Einfluss auf das Leben ihrer Mitmenschen und deren Glück zu nehmen. Der Beginn eines Kreuzzuges für die kleinen, feinen Seiten des Daseins, in dessen Zuge sich die junge Frau in den sanften Sonderling Nino (Mathieu Kassovitz) verliebt. Aber was bei anderen Menschen so einfach erscheint, wird auf sie selbst angewandt zum unlösbaren Problem. Denn im Umgang mit zwischenmenschlichen Beziehungen kann sie auf keinerlei Erfahrungen zurückgreifen.

„Die fabelhafte Welt der Amelie“ ist Jean-Pierre Jeunets Meisterstück. Mit spielerischer Leichtigkeit gelingt dem Regisseur das Kunststück, alle Fäden der vielschichtigen Handlung und der darin eingebetteten Charaktere in der Hand zu behalten. Sein großartiges Märchen pulsiert vor wahrer Lebensfreude und verzaubert den Betrachter auf der Stelle, lässt ihn entschweben in eine Welt voller Magie, Wärme, Romantik, sprühendem Witz und grotesker, hintergründiger Metaphorik. Das Fundament dieses Zaubers legt Jeunet mit dem grandiosen Zusammenspiel seiner beeindruckend agilen Darstellerriege, allen voran die zuckersüße Audrey Tautou mit ihrem bemerkenswert leichtfüßigen Auftritt als Amelie, garniert mit stilistischer Raffinesse und filigraner Kameraarbeit.

Weiterhin begleiten u.a. Jamel Debbouze („Asterix und Obelix: Mission Cleopatra“), Mathieu Kassovitz (Regisseur von „Die purpurnen Flüsse“) und Jeunet-Dauergast Dominique Pinon, der in bisher allen Werken des Regisseurs zu sehen war, die Zuschauer auf ihrem Weg durch die betörende Welt der Amelie. Ein faszinierendes Gesamtkunstwerk, das aufgrund seines Erzählstils an den Billy-Wilder-Klassiker „Das Mädchen Irma LaDouce“ mit Shirley MacLaine und Jack Lemmon erinnert. Es gibt kaum Filme, die man wirklich gesehen haben muss. „Die fabelhafte Welt der Amelie“ zählt definitiv dazu!

Wertung: (9 / 10)

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