Descendents – Everything Sucks (1996, Epitaph Records)

descendents-everything-sucksEs allen recht zu machen ist keine Kunst, sondern Utopie. Geschmäcker, Meinungsbilder und Ansichten sind Motor unserer Identität, ein komplexes Puzzle, das je nach Persönlichkeit und Geltungsbedürfnis stärker oder schwächer zur Schau gestellt wird. [Der Rezensent weiß die damit verbundene Ironie durchaus zu schätzen!] Veranschaulichen lässt sich das auch an der zweiten Reunion des US-amerikanischen Punk-Urgesteins DESCENDENTS. Manche spotteten, sie rühre allein daher, dass Epitaph ALL nicht ohne die klassische Schwesterband unter Vertrag nehmen wollte. Dabei sollte das anno 1996 präsentierte fünfte Album „Everything Sucks“ (mit dem ersten Cover-Auftritt des Strichmann-Milo seit dem ’85er-Release „I Don’t Want to Grow Up“) Punk-Freunden eigentlich keinerlei Grund zur Beanstandung bieten. Im Gegenteil.

Die instrumentale Routine, mit der die auch produzierenden Bill Stevenson (Drums) und Stephen Egerton (Gitarre) sowie Karl Alvarez (Bass-Gitarre) ALL in den Jahren zuvor zur Marke gemacht hatten, haftet hier unweigerlich auch den DESCENDENTS an. Nur ist das keine Angriffsfläche für Kritik. Beide Bands bilden ein organisches Geflecht, das mitunter nahtlos ineinandergreift. Was zählt ist das Kollektiv. Das lässt sich bereits daran ermessen, dass sich sämtliche Musiker songschreiberisch hervortun. Das schließt selbst die beiden Gründungsmitglieder Frank Navetta und Tony Lombardo ein, die den DESCENDANTS 1983 bzw. 1985 den Rücken kehrten. Der 2008 verstorbene Navetta schrieb „Doghouse“ und spielte gleich noch die Gitarre, der wiederholt mit ALL kollaborierende Lombardo griff dazu zum Bass und erdachte die Musik zu „Eunuch Boy“, einem kurzen Nonsens-Track, dessen Text Milo in den frühen Achtzigern verfasst hatte.

Neben der gepflegten Kumpelbasis (ALL-Frontmann Chad Price unterstützt gesanglich aus dem Hintergrund) besticht die Platte aber vor allem durch die begeisternde Hitdichte. Was der doktorierte Biologe Milo und seine Mitstreiter in rund 30 Minuten – der instrumentale Hidden Track mit eingeschlossen – vom Stapel lassen, ist großes Kino mit Texten zwischen Ironie und Melancholie. „I’m the One“, „Rotting Out“, „Sick-O-Me“, „When I Get Old“, „We“ oder „Thank You“, jene unspezifische Dankesode an großartige Bands, machen „Everything Sucks“ zum echten Highlight. Bei „Caught“ sind Anspielungen auf Ex-US-Präsident Bill Clinton kaum von der Hand zu weisen und die halbminütige Extrarasanz „Coffee Mug“ zeigt, worauf es im Leben wirklich ankommt. Und wer nun sagt, das klänge alles nach altbekanntem Punk-Einerlei, der möge sich vergegenwärtigen, dass die DESCENDENTS einen nicht unerheblichen Teil zu dessen moderner Prägung beigetragen haben. In diesem Sinne: „Thank you for playing the way you play!“

Wertung: (8,5 / 10)

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