Der weiße Büffel (USA 1977)

der-weisse-bueffelTiming ist alles. Auch im Filmgeschäft. „Der weiße Büffel“ kam 1977 in (fast) allen Belangen zu spät. Vom Western nahm kaum mehr jemand Notiz und der Monsterfilm, der durch Spielbergs Welterfolg „Der weiße Hai“ – die Quasi-Gleichheit der deutschen Titel ist im Gegensatz zur Ähnlichkeit der bösartig animalischen Ausgeburten tatsächlich Zufall – endgültig der Realität entstieg, wiederholte sich fortwährend. Seinen Anteil daran hat Produzent Dino De Laurentiis, der mit „King Kong“ (1976) und „Orca, der Killerwal“ (1977) weitere groß gewachsene Viecher ins Rennen um die Gunst des Publikums trieb.

Der monströse Paarhufer blieb der erfolgloseste der drei. Richard Sale, der seinen Roman „The White Buffalo“ gleich selbst für die Leinwand umfunktionierte, legte den Grundstein eines Films, der sich vor den Konventionen beider Genres zu sehr verschloss, um von der breiten Masse nicht als Enttäuschung empfunden zu werden. Doch ist es gerade diese Beugung der Erwartungshaltung, die J. Lee Thompsons („Die Eroberung vom Planet der Affen“) rustikales Abenteuer sehenswert macht. Dazu Hauptdarsteller Charles Bronson („Rivalen unter roter Sonne“), der seinem Image als beinharter Rächer so gar nicht gerecht werden will.

Atmosphäre stellt sich schon während der Anfangstitel ein, wenn die von Paul Lohmann („Nashville“) ins Surreale geführte Kamera durch schneebedecktes Studioambiente schwelgt. Dann die Großaufnahme eines finster funkelnden Auges, gefolgt vom übellaunigen Hufscharren des titelgebenden Ungeheuers. Das aber wütet vorerst nur in den Träumen von Wild Bill Hickok (Bronson), der vor Schreck beidhändig die Schlafkoje über ihm mit Kugeln spickt. Der legendäre Kunstschütze ist unter falschem Namen mit dem Zug unterwegs, um sich am Goldrausch zu beteiligen. Doch der muss erst einmal warten.

Die Leibhaftigkeit des Nachtmahrs kann sein alter Freund Charlie Zane (Jack Warden, „Der Himmel soll warten“) bekräftigen. Ebenso Indianerhäuptling Crazy Horse (Will Sampson, „Einer flog übers Kuckucksnest“), der seine Tochter bei einer Attacke des gewaltigen Büffels verlor. Bevor es aber zum Aufeinandertreffen der beiden Wildwestpersönlichkeiten kommt, stattet Hickok seiner alten Freundin Poker Jenny (Kim Novak, „Vertigo“) einen Besuch ab und legt sich mit dem Gesetzlosen Whistling Jack Kileen (Clint Walker, „Das dreckige Dutzend“) an.

Der Tenor dieser kuriosen Mixtur aus Western und Tier-Horrorfilm bleibt von Schwermut überschattet, was die Musik des fünffachen Oscar-Preisträgers John Barry („Der Löwe im Winter“) trefflich untermalt. Die Erzählstruktur gleicht sich der konstanten Ungewöhnlichkeit in ihrer entschleunigten Bildsprache an. Eine alptraumhafte Stimmung liegt über dem allegorischen Werk, die sich in einem packenden Finale im Schnee entlädt. Das Biest läuft zwar sichtbar auf Schienen, ist daneben aber überzeugend getrickst. Früher als gigantischer Flop abgehandelt, gilt es dies eigenwillige, leicht trashige Mystery-Abenteuer heute neu zu entdecken. Die Suche lohnt sich.

Wertung: (6 / 10)

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