Der Untergang (D/A/I 2004)

der-untergangEin idyllisches Häuschen im Wald. Eine junge Frau mit hinreißenden Rehaugen bewirbt sich für einen Job als Sekretärin bei einem sympathischen älteren Herrn. Als sie vor lauter Nervosität fantasievoll angeordnete Buchstaben anstatt des diktierten Textes zu Papier bringt, umspielt den Mund des Auftragsgebers ein Lächeln. „Na, das probieren wir gleich noch mal“, sagt er mit einem unverwechselbaren Timbre in der Stimme. So war er wohl, der größte Feldherr anderer Zeiten, wenn er mal nicht im Rampenlicht stand.

Der deutsche Beitrag für die Oscar-Verleihung 2005, von Produzent Bernd Eichinger („Der Name der Rose”) und Regisseur Oliver Hirschbiegel („Das Experiment”), zeichnet die letzten Tage unseres Tausendjährigen Reichs nach. Ende April 1945 verschanzt sich der possierliche Diktator und Führer des deutschen Volkes Adolf Hitler (Bruno Ganz, „Luther”) zusammen mit einigen Getreuen im Bunker der Reichskanzlei. Draußen, zwischen der schon empfindlich nahe zusammenliegenden Ost- und Westfront tobt der Endkampf um die Reichshauptstadt Berlin. Der Volkssturm, bestehend aus fanatischen Kindern und verzweifelten Alten, versucht die Stadt gegen die anrückende Rote Armee zu verteidigen – ein verlorener Kampf. Derweil verschiebt der immer mehr im Wahnsinn aufgehende Reichskanzler nichtexistente Armeen, um den Krieg doch noch zu wenden.

Um es vorweg zu nehmen: Bruno Ganz ist fantastisch. Seine Verkörperung DES Monsters des 20. Jahrhunderts kann einem schon Schauer über den Rücken jagen. Er wechselt sprunghaft zwischen leicht väterlichen Zügen zu fanatischen Hasstiraden. Das bleiche Gesicht im fahlen Licht des Führerbunkers, gepaart mit einer zittrigen Parkinsonhand ruft einerseits Grauen, andererseits zeitweise sogar Mitleid hervor. Auch Alexandra Maria Lara („Nackt”) liefert eine respektable Leistung ab. Als Hitlers Sekretärin Traudl Junge, auf deren Erinnerungen das Drehbuch von Bernd Eichinger und Joachim Fest basiert, ist sie der einzige Bezugspunkt und Sympathieträger für das Publikum. Leider verschwindet sie für knapp eine Dreiviertelstunde von der Leinwand, so dass das wenig Chancen hat, diesen Bezugspunkt auch zu nutzen. Auch Corinna Harfouch („Irren ist Männlich”) verkörpert die Rolle der Magda Goebbels faszinierend beängstigend. In der wohl stärksten Szene des Films betäubt diese ihre Kinder, um sie dann mit Zyankali umzubringen, da sie ihnen „ein Leben in einer Welt ohne Nationalsozialismus“ nicht zumuten will.

Leider endet hier die Positivliste. Problem Nummer eins sind die mangel- bis grauenhaften Leistungen der anderen Darsteller. Eva Braun (Juliane Köhler, „Aimée & Jaguar”) ist an Overacting kaum zu überbieten. Ihre Szenen sind nur sehr schwer erträglich. Die historische Schlüsselfigur Albert Speer (Heino Ferch, „Der Tunnel”) hat kaum Präsenz auf der Leinwand. Er geht neben Bruno Ganz völlig unter. Nicht mal Christian Berkel („Das Experiment”) in seiner Rolle als SS-Arzt vermag es, die sowieso extrem anstrengenden Außenszenen mit einem unerträglich nervigen Kind, das durch das zerbombte Berlin läuft, um sich in Sicherheit zu bringen, ein wenig aufzuhellen. Den Vogel schießt allerdings Ulrich Matthes („Feuerreiter”) als Joseph Goebbels ab. Man kann sehr schön verfolgen, an welchem Punkt der Dreharbeiten entweder ihm oder Regisseur Hirschbiegel eingefallen ist, dass Goebbels ja hinkte. Ab diesem Punkt wird der Zuschauer dann mit hinreichend Szenen beschossen, die das auch eindrucksvoll belegen. Neben Corinna Harfouch hat Matthes sowieso keine Chance, sich herauszuspielen.

Über den Film wurde sehr viel diskutiert. Darf man Adolf Hitler als Mensch zeigen? Ist es nicht eine Klitterung des Gedenkens an die Opfer der NS-Zeit, wenn Hitler auch freundliche und menschliche Züge hat? Es wurde immer wieder die hervorragende Leistung von Bruno Ganz herausgestellt – doch fundierte Kritik an der handwerklichen Umsetzung war nicht mal von Marcel Reich-Ranicki zu hören. Dabei bietet „Der Untergang“ eine Fülle an Angriffsfläche. Das Drehbuch ist unglaublich uninspiriert – dass man zeithistorische Stoffe auch spannend umsetzen kann, hat Oliver Stone mit Filmen wie „Nixon“ bewiesen. Das größte Manko ist allerdings das Fehlen eines Bezugspunkts für das Publikum. Sicher, Alexandra Maria Lara kann vor lauter Sympathiewerten kaum laufen, doch leider ist sie genau dann, wenn man sie bräuchte, nicht zu sehen und lässt den Zuschauer allein mit dem Führer. Der ist zwar auch makellos dargestellt, doch dem deutschen Kinogänger graut es jenseits von Sachsen hoffentlich davor, sich mit Adolf Hitler zu identifizieren. Daher sei dem gewogenen Zuschauer wärmstens zu einer anderen Interpretation der Hitler-Figur geraten. Nein, nicht Robert Carlyle soll hier Referenz sein, sondern der wirklich größte Diktator – Charlie Chaplin. In diesem Klassiker wohnt eine Wahrheit inne, die „Der Untergang“ auch in seinen stärksten Momenten nicht erreicht.

Wertung: (6 / 10)

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