Der Tätowierte (USA 1969)

der-taetowierte„Each person who tries to see beyond his own time must face questions to which there cannot yet be proven answers.” – Felicia

Auch „Der Tätowierte“ ist einer jener klassisch prophetischen Science-Fiction-Filme, dessen sich ohne das geplante Remake wohl kaum mehr jemand entsinnen würde. Die Romanvorlage schrieb Ray Bradbury, der schon mit „Fahrenheit 451“ eines der kritischen Referenzwerke des Genres schuf. Regisseur Jack Smight („Straße der Verdammnis“) machte daraus einen visuell faszinierenden und sehr erwachsenen Blick in die Zukunft und das gegenwärtige Wesen des Menschen. Getragen wird die düstere Parabel vom überragenden Rod Steiger („In der Hitze der Nacht“), der sich für die knarzige Titelrolle am ganzen Körper bemalen ließ.

An einem sonnigen Tag begegnen sich zwei Landstreicher in der Provinz. Die Musik von Jerry Goldsmith („Basic Instinct“) und Philip H. Lathrops („Point Blank“) Kamera zeichnen ein Idyll nach, das geradezu danach verlangt jäh durchbrochen zu werden. Zuerst ist da Willie (Robert Drivas, „Road Movie“), der in Aussicht eines lukrativen Jobs von New York nach Kalifornien trampt. Der unbehagliche Kontrast stellt sich mit Erscheinen des aufdringlichen Carl (Steiger) ein, der dem Wahnsinn verfallen scheint und einen kläffenden Hund in einem Leinensack mit sich führt.

Scheinbar ziellos streift Carl durch die Lande, auf der Suche nach Felicia (Claire Bloom, „Kampf der Titanen“), jener Frau, die seinen Körper bis zum Hals mit Bildern zierte. Sie sind etwas besonderes, mehr noch unheilvolles. Wer in die Tätowierungen blickt, dem zeigen sie in Visionen das Schicksal der Menschheit auf. Diese Gabe ist für ihren Träger ein Fluch. Er wurde zum gesellschaftlich Ausgestoßenen, weil die Menschen nicht umhin kommen, sich in den lebendig werdenden Illustrationen zu verlieren. Und der freien Stelle auf seinem Rücken, in dem sich der Tod des Betrachters offenbart.

Entgegen der Warnungen versinkt Willie am Lagerfeuer in den hypnotischen Bilderwelten. Dort durchlebt er verschiedene Episoden, die ihre Bitterkeit nur schleichend offenbaren und die in zeitgemäßen End-Sechziger-Dekors abgebildet werden. Sie erzählen von technischen Errungenschaften, der Reise in fremde Welten und dem Ende der Menschheit. Desillusionierter Höhepunkt ist die Geschichte einer Gruppe gestrandeter Soldaten, die von ihrem Befehlshaber über die Oberfläche eines unwirtlichen, von ohrenbetäubendem Dauerregen geschundenen Planeten geschleift werden.

Rückblenden eröffnen, wie der Sex suchende Wanderarbeiter Carl von der mysteriösen Felicia dazu gebracht wurde, seinen Körper komplett verzieren zu lassen. Am Ende verschwindet sie einfach, ihr Haus gleich dazu. In seiner Sprache für Art und Herstellungsjahr ungewohnt derbe, spielt dies grandiose, bedauerlicherweise fast vergessene Juwel der unheilschwangeren Science-Fiction seinen bösen Trumpf mit Willies Blick auf das eigene Ableben aus. Selbst dem Wahnsinn nahe, versucht er Carl im Schlaf mit einem Stein zu erschlagen. Das Ende bleibt offen. Zurück bleibt nur die Beklemmung.

Wertung: (8,5 / 10)

 

scroll to top