Der seltsame Fall des Benjamin Button (USA 2008)

der-seltsame-fall-des-benjaminn-buttonSelten wurde die eherne Gesetzmäßigkeit der vergänglichen Liebe bewegender und lebensbejahender auf die Leinwand gebracht als in „Der seltsame Fall des Benjamin Button“. Regisseur David Fincher („Fight Club“) schickt die Hauptfigur im Rückwärtsgang über den Lebensweg und exerziert in Überlänge eine Moral vor, die sich in ihrer romantischen Darstellungsweise willfährig dem Kitsch hingibt. Das wunderbar ausgestattete und sehenswert gespielte Märchen ist Hollywood-Pomp, mit allem was es zu lieben und zu hassen gibt. Doch wer sich auf die bewusst naive Entdeckung der Welt und ihrer emotionalen Vielfalt einlässt, wird mit einem anrührenden Rausch aus Bildern und Gefühlen belohnt.

Als jener Benjamin Button 1918 geboren wird, ist er ein Greis. Die Knochen porös, das Hirn verkalkt, rechnet ihm niemand eine hohe Lebenserwartung aus. Die Mutter stirbt kurz nachdem sie ihn auf die Welt gebracht hat. Der Vater, Knopf-Fabrikant Thomas Button (Jason Flemyng, „Die Liga der außergewöhnlichen Gentlemen“), setzt ihn vor einem Altenstift aus. Unter der Obhut der schwarzen Pflegerin Queenie (Taraji P. Henson, „Hustle & Flow“) wächst das runzlige Baby zum tattrigen Greis heran. Mühsam lernt er sprechen, laufen ist lange nur mit Krückstock möglich. Doch Benjamin gedeiht und verjüngt, was den Maskenbildnern und CGI-Tüftlern bemerkenswerte Leistungen abverlangt.

Doch nicht nur der von Superstar Brad Pitt verkörperte Benjamin bedarf der künstlichen körperlichen Überarbeitung. Auch Cate Blanchett, die mit Pitt bereits in „Babel“ spielte, wird als dessen große Liebe Daisy durch die Jahrzehnte begleitet. In der Rahmenhandlung liegt sie auf dem Sterbebett, nun selbst vergreist, und lässt sich von Tochter Caroline (Julia Ormond, „Legenden der Leidenschaft“) die Aufzeichnungen des Liebsten vorlesen. Welche Lehre auch für Caroline aus der ungewöhnlichen Geschichte zu ziehen ist, erschließt sich früh. Die Nicht-Linearität, die Sprünge zwischen den Zeiten aber halten die optimistische Erzählung lebendig – bis die beiden in der jeweiligen Mitte ihres Lebens endlich zueinander finden.

Die zwangsläufige Traurigkeit des gegenläufigen Alterungsprozesses kanalisiert Fincher in ein betont sentimentales, jedoch nicht überkitschtes Ende, das den humanistischen Ton des Films unter düsteren Vorzeichen weiter führt. Das nach F. Scott Fitzgeralds Vorlage gedrehte Fantasy-Drama mag manche Themen, allen voran die Rassentrennung nur unzureichend abbilden, als übergroßes Gefühlskino funktioniert das opulent bebilderte und für 13 Oscars nominierte Opus aber nahezu perfekt. Der Ausgang ist vorhersehbar, für einige Überraschungen sorgt „Der seltsame Fall des Benjamin Button“ aber allemal. Ein Film, fast zu schade für den Bildschirm.

(Thomas)

Prachtvolle Epen sind ein gern gesehener Gast bei der alljährlich stattfindenden Oscar-Verleihung. Ganze 13 Nominierungen heimste in diesem Jahr David Finchers „Der seltsame Fall des Benjamin Button“ ein, der frei auf einer Kurzgeschichte aus dem Jahre 1922 basiert. Gewinnen konnte er aber lediglich in drei Nebenkategorien, hier gaben die wirklich sehenswerten Effekte den Ausschlag. Allerdings sollte man den Film nicht auf diese reduzieren und sich auch von der Laufzeit von mehr als zweieinhalb Stunden abschrecken lassen. Denn David Fincher wird seinem guten Ruf auch mit diesem Film mehr als gerecht.

Im Jahre 1918 erblickt ein Junge das Licht der Erde, seine Mutter stirbt noch in der gleichen Nacht im Kindbett. In tiefer Trauer und Wut setzt der Vater (Jason Flemying) das Kind sofort auf den Stufen eines Altersheimes aus. Die Krankenpflegerin Queenie (Tajaji P. Henson) kümmert sich ab dieser Nacht liebevoll um das Kind, welches Benjamin (Brad Pitt) genannt wird. Das Kind allerdings hat ein Problem, denn sein Körper entwickelt sich entgegen der Natur. Sprich, er altert rückwärts. 85 Jahre später liegt eine alte Frau in New Orleans im sterben, im Beisein ihrer Tochter (Julia Ormond). Diese liest ihrer Mutter aus dem Tagebuch eines gewissen Benjamin Button vor, das von dem Leben und der Liebe eben jenes Menschen erzählt.

Parallelen zum Robert Zemeckis Hit „Forrest Gump“ sind sicherlich nicht von der Hand zu weisen. Denn auch David Finchers Film begleitet seine Hauptfiguren durch ihr gesamtes Leben. Mit all seinen tragischen und schönen Momenten. Allerdings legt Fincher weniger Wert auf das Drumherum. Sein Film ist weniger vom Humor und der Einbeziehung historischer Geschehnisse geprägt, sondern vielmehr durch eine melancholische Grundtendenz im Bezug auf seinen Hauptcharakter. Entgegen seinen früheren Filmen ist „Der seltsame Fall des Benjamin Button“ eine ruhige, fast gemächliche Darstellung eines mit einem kuriosen Schicksal behafteten Mannes. Die Länge von mehr als zweieinhalb Stunden Spielzeit mag verschrecken, aber jede Minute ist auf das Gesamtwerk bezogen ein Genuss, vor allem auf visueller Ebene. Dennoch stechen manche Einzelszenen hervor, bspw. die Bildmontage unglücklicher Zufälle oder die Geschichte des Uhrmachers zu Beginn.

Benjamin Button selbst wird von Brad Pitt („Sieben“) verkörpert, der nun zum dritten Mal mit Fincher zusammenarbeitete. Allerdings ist sein Gesicht nur selten im Rohzustand zu sehen, sondern fast ausschließlich gealtert oder später verjüngt. Seine Figur ist ein ruhiger, gelassener und nachdenklicher Charakter, dessen junges Leben im Altersheim sehr schnell mit dem Tod konfrontiert wird und ihn schließlich auch prägen wird. Probleme mit seiner „Krankheit“ hat er nicht, er kann es ja eh nicht ändern. Auch er heuert auf einem Schiff an, nimmt am Rande am zweiten Weltkrieg teil, erlebt Dinge an verschiedenen Orten des Planeten und macht seine Erfahrungen in der Liebe. Wunderschön und berührend die Kurzromanze mit Tilda Swinton („Burn After Reading“) im verschneiten Russland. Eigentlich aber gehört sein Herz jener Daisy (Cate Blanchett), die er bereits als kleines Mädchen kennenlernt, er dagegen wie ein alter Mann aussieht. Auch hier braucht es seine Zeit und Erfahrungen, bis beide zueinander finden. Das Schicksal treibt sie ab einem gewissen Punkt dann aber auch wieder auseinander.

„Der seltsame Fall des Benjamin Button“ ist die traurig schöne Erzählung eines untypischen Mannes. In fantastischen Bildern erzählt David Fincher vom Leben und Tod, vom Altern und Lieben. Grandios gespielt, fantastisch bebildert, lässt einen der Film nach fast 170 Minuten mit einem bewegenden Ende beider Akteure allein. Ein sicherlich großer Film.

(Christian)

Wertung: (8 / 10)

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