Der Schlitzer (I 1980)

der-schlitzer„Cannibal Holocaust“ – das dürfte vermutlich so ziemlich jeder Adorator des blutigen Nischenfilms als erstes rufen, wenn der klangvolle Name Ruggero Deodato fällt. Dass wir dem sympathischen Regisseur mit einem Faible für Kannibalen aber auch andere (hüstel) Klassiker des italienischen phantastischen Films zu verdanken haben, ist sicherlich keine verkehrte Aussage. „Cut & Run“, „Mondo Cannibale 2 – Der Vogelmensch“ oder auch „Die Barbaren“ dürften der nach filmischem Terror lechzenden Klientel durchaus ein Begriff sein. Und gewiss auch „Der Schlitzer“, Deodatos kammerspielartiger Beitrag zum verpönten Rape & Revenge-Genre.

Alex („The Last House on the Left“-Psychopath David Hess) hat gleich mehrere Leidenschaften: Er schraubt gerne an Autos herum, trägt fürchterliche Discoklamotten und vergewaltigt (und tötet) gerne junge Frauen. Ein Bilderbuch-Psychopath eben. Und weil Alex auch noch ein Egomane par excellence ist, lässt er seinen debilen Kumpan Ricky (Giovanni Lombardo Radice, „Ein Zombie hing am Glockenseil“) ständig nach seiner Pfeife tanzen. Eines Abends, als sich das ungleiche Duo auf den Weg in den Zappelbunker machen will, tauchen in Alex´ Werkstatt Tom (Christian Borromeo) und Lisa (Annie Bell) auf, zwei alexithyme Vollblutsnobs, die aufgrund einer Autopanne die anstehende Party mit drei weiteren Gefühlstoten verpassen könnten. Nachdem der Schaden behoben ist, werden Alex und Ricky prompt zur Sause mitgeschleppt.

Dort lernen sie die amazonenhafte Glenda (Marie Claude Joseph) kennen, die anrüchige Gloria (Lorraine de Selle, „Cannibal Ferox“) und den Langweiler Howard (Gabrielle Di Giulio). Schnell durchschaut Alex die Intention der reichen Jünglinge, die ihm und seinem begriffsstutzigen Freund eigentlich nur eines weiß machen wollen: Sie, die zwei Underdogs aus der unteren Schicht, sind im Gegenteil zu den zahlungskräftigen, gutsituierten Schönlingen inferiore Wesen. Er dreht den Spieß um, und kontert die Angriffe auf seine Ehre mit dem, was er am besten beherrscht: Missbrauch und Gewalt!

„Der Schlitzer“, damals wie heute ein umstrittener Beitrag zum kontroversen Horror-Subgenre, ist tatsächlich ein zwiespältiges Anliegen. Auf der einen Seite hat man einen brillanten David Hess, dem der Soziopath aus jeder Pore dringt. Nebst seiner Performance ist Giovanni Radices Ricky-Darstellung ebenfalls einer besonderen Erwähnung wert. Sein im Kern eigentlich liebenswerter Charakter wird von Alex vollkommen unterdrückt, und um seinem „Mentor“ zu gefallen, lässt er sich auf (zu) viele Missetaten ein. Doch im Laufe der Handlung ist seine Psychogenese so fortgeschritten, dass er sich gegen diesen erheben kann.

Die übrigen Darsteller bleiben unbelichtet, eindimensional und ständig emotionslos. Sie zeigen auch in Momenten größter Anspannung, sprich in der Erniedrigung und Terrorisierung durch Alex, kaum Gefühlsregungen. Anfangs hielt ich es für das weit verbreitete Gebrechen, das die Horrorfilm-Branche nur allzu gut kennt – talentloses Schauspiel. Obgleich wenn diese empfindungslose Darstellung tatsächlich nur dem Faktum zu verdanken sein sollte, dass der angefochtene Regisseur den Rest der Schauspielcrew mit Flaschen besetzt hat, ist es für das Endergebnis doch als großer Vorteil zu bezeichnen.

Denn falls Deodato nicht einfach nur einen handelsüblichen Psychothriller auf die Menschheit loslassen wollte, wenn seine Ambitionen tatsächlich ein Stück weiter gingen und er offene Kritik an der snobistischen Lebensweise der gehobenen Klasse im Auge hatte, diese zweifelsfrei oft gefühlskalte Welt der Privilegierten, so ist ihm dies durch das Un-Spiel dieser Akteure sicherlich gelungen. Sind ihre Figuren derart abgehärtet, weil sie sich so ziemlich alles leisten können, weil sie schon so viel gesehen und erlebt haben – trotz ihrer jungen Jahre? Ist die Situation, in der sie um ihr Leben bangen müssen, der Umstand, der sie wieder merken lässt, dass sie überhaupt leben? Sie sind so kalt, dass trotz der ungeheuerlichen Tatsache, dass sie von einem gewissenlosen Psychopathen körperlich und psychisch malträtiert werden, sich beim Zuschauer nicht das erdrückende Gefühl des Mitleids mit ihnen einstellen möchte?

In der einen oder anderen Szene kann einen sogar das Gefühl beschleichen, dass den bösen Kapitalisten genau das widerfährt, was sie verdienen. Und dennoch, darauf möchte ich unbedingt hinweisen, darf man den Methoden des kranken Alex gewiss nicht zustimmen, da seine Motivation auch ganz anderer Natur sein kann. Das Intro des Films, in dem er ein ihm und dem Zuschauer völlig unbekanntes Mädchen vergewaltigt und anschließend mit seinen bloßen Händen tötet, zeigt, dass er wahrlich ein Monster ist. Ein feiger Mörder und ebenso ein Schänder der Schwachen, dem Nichts und Niemand heilig ist. Bis zum Schluss des Films ist in den Gesichtern seiner neuen Opfer, der Partygesellschaft, hingegen kaum eine Regung zu registrieren, die dem Zuschauer signalisieren könnte, der richtige Zeitpunkt für Empathie sei soeben eingetreten.

Auch nicht das ominöse Filmende, in dem der Spieß erwartungsgemäß wieder umgedreht wird, liefert dies nicht. Aus den misshandelten Mittzwanzigern werden keineswegs Heldenfiguren gemacht, denen man zujubeln kann, wie es eben üblich ist, wenn die gepeinigten endlich ihre Erlösung erhalten. Die überaus lange Exekution des endlich gestellten Mörders ist einer der wenigen Momente, in denen man dann doch noch fast Gefühlsregungen in ihren leblosen Augen vermerken kann, was sie letzten Endes nicht gänzlich zu Bestien werden lässt, wie Alex eine ist. Aber sie kommen dem gefährlich nahe.

Auf der anderen Seite hat Deodatos Film einige Ärgernisse parat, über die man nicht hinweg sehen kann. Angefangen bei der Tatsache, dass mindestens Tom die ganze Zeit wusste, dass nicht zwei Schritte von ihm entfernt eine geladene Pistole in der Vitrine lag, und er nicht die Chance nutzt, als Alex und Ricky (!) sich außerhalb des Raumes befinden, sich diese anzueignen, muss man einfach als idiotisch bezeichnen. Noch idiotischer ist allerdings die nur ein paar Minuten nach diesem Ärgernis stattfindende Hinrichtung von Alex. Zum einen wird er mindestens von 80.000 Kugeln getroffen, darf dabei zwei mal in den Pool fallen – und es ist nicht ein Milliliter Blut zu sehen, nicht im Wasser, nicht auf seiner Kleidung, nicht auf dem Boden und nicht auf dem Rasen. Nirgends! Es müssen nicht immer Blutfontänen á la John Woo sein, aber hier sieht man wirklich nichts! Niente! Nada!

Doch die Zeit, sich darüber aufzuregen, dürfte minimal ausfallen, da ich dass WIRKLICH große Ärgernis für den Schluss dieser Rezension bewahren wollte. Hier seien die Leser, die das Werk noch nicht gesehen haben, gewarnt, denn ich werde für ein Sakrileg verantwortlich sein: Die Welt erfährt durch mein rücksichtsloses Handeln den Schlusstwist! Einen, da muss man mir einfach zustimmen, unglaublich bescheuerten Twist. Nicht soooo hirnrissig, wie die schon an Körperverletzung grenzende Zuschauerverarschung in „Haute Tension“, aber sicherlich einer, die den Selbigen ebenso für dumm verkaufen möchte. Tom hat eigentlich die ganze Zeit gewusst, wer Alex ist, nämlich (Trommelwirbel!) der Mörder seiner Schwester!

Er erkannte dies an dem Anhänger, den Alex der Toten entwendet hatte, um ihn selbst um den Hals zu tragen. Eine wirklich idiotische und unnötige Wendung, die dem Film den letzten Funken Glaubwürdigkeit raubt. Was bleibt ist ein Film, den viele Genreliebhaber wegen Hess´ Darstellung gerne mal als gelungen bezeichnen, den aber noch mehr mit Wes Cravens Klassiker „The Last House on the Left“ vergleichen – und meistens als den schwächeren betiteln. Zum einen stellt David Hess in beiden Werken einen identischen Wahnsinnigen dar, zum anderen ist der amerikanische Titel des Films ausgerechnet „House on the Edge of the Park“, was fast wie ein Sequel Titel zum Craven-Schocker anmutet. Parallelen zwischen den beiden Filmen sind gewiss deutlich, dennoch sind beide eigenständige Werke. Ach ja, in zwei Kategorien ist „Der Schlitzer“ bedingungslos unterlegen: musikalische Untermalung und die Outfits, aber man muss im Auge behalten, dass Cravens Beitrag in den viel cooleren 1970ern entstanden ist, Deodatos Werk hingegen schon in den anbrechenden 1980ern. Das sagt schon alles, nicht wahr?

Wertung: (6 / 10)

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