Der Mann aus Virginia (I/E 1977)

der-mann-aus-virginiaDer Krieg nahm ihnen alles. Die Identität, den Mut, die Hoffnung. Die Kapitulation des Südens ist noch nicht unterzeichnet, als seine Soldaten in Scharen zurück in ein bürgerliches Leben getrieben werden. Eine kleine Stadt dient als Sammellager. Hier werden die Konföderierten Truppen erfasst. Wer eine Woche später keine Arbeit gefunden hat, muss die Gegend verlassen. Das bringt Unternehmer auf den Plan, die aus der Notlage der Veteranen Kapital schlagen wollen. Wenig Lohn für Knochenarbeit. „Einen halben Dollar die Woche? Da haben wir ja unseren Sklaven zu Hause mehr Taschengeld gegeben“, erbost sich einer der Besiegten. Die Angebote werden ausgeschlagen.

„Der Mann aus Virginia“ ist ein nicht alltäglicher Italo-Western. Er ist weniger der Tradition des eigenen Standes, als vielmehr der Bewegung amerikanischer Genre-Spätwerke, beispielsweise Clint Eastwoods „Der Texaner“ verpflichtet. 1977 produziert, zählt er zu den letzten seiner Art. Kurz darauf sollte der nimmermüde Strom in Europa massenproduzierter Cowboyfilme abreißen. Nur Ikone Franco Nero schwang sich noch mal in den Sattel, 1987 („Django´s Rückkehr“) und 1993 („Die Rache des weißen Indianers“). Danach war Schluss, endgültig.

Der ehemalige Stuntman Giuliano Gemma („Blutiges Blei“) ist ein weiterer Star der dreckigen Spielart der Pferdeoper. Hier gibt er, entgegen seines gewöhnlich gepflegten Images des charmanten Draufgängers, den müden Kriegsdienstler. Wie die verzweifelten Kameraden besitzt er kaum mehr als die Uniform am Leib. Doch ist diese nicht nur Sinnbild einer verfehlten Ideologie, sie ist auch Anziehungspunkt für den Hohn und die Verachtung der Normalbürger. Perspektiven gibt es keine. Höchstens die Heimkehr. Doch da sind auch andere Kräfte, die in den Reihen der Besiegten ihren Profit auf Kosten des Lebens suchen.

Eine Gruppe Kopfgeldjäger (darunter Claudio Undari, besser bekannt unter dem Pseudonym Robert Hundar, „Todesmarsch der Bestien“), angeführt vom zynischen Rope Whitaker (Raimund Harmstorf, „Nobody ist der Größte“), kassiert mit harter Hand Prämien. Rückendeckung erhält er von hochrangigen Militärs des Nordens. Mit seiner Unterstützung hoffen sie die Ordnung schneller wieder herstellen zu können. Ruhmreich ist ihr Handeln nicht. Die Bande ist ein Gespann eiskalter Mörder. Anfangs vollzieht sich ihr Treiben nur am Rande. Aber es wird an Bedeutung gewinnen, wenn die Selbstfindung des desillusionierten Gemma an der Unruhe der Nachkriegswirren zerschellt.

Dass der Film nichts mit den verklärten Mythen des Spaghetti-Westerns gemein hat, verdeutlicht allein der Vorspann. Durch einen gelblich braunen Filter ausgeblichene Fotografien zeichnen das Schreckensszenario des Sezessionskrieges nach. Hier Kanonenbatterien, dort aufgereihte Schädel. Anschließend die Tristesse des Camps. Unaufhörlich prasselt der Regen hernieder. Der Boden ist von den Wassermassen zu einer einzigen Schlammpfütze verschmolzen. Über der Angst vor der Zukunft hängt der Hunger. Er macht auch vor der Prügelei um das Leben eines Kätzchens nicht halt.

In einer der beeindruckendsten wie gleichwohl absurdesten Szene des Films hetzt ein Tross ehemaliger Südstaatentruppen im Morast hinter Fröschen her. Sie springen im Dreck umher, untermalt von einer seltsam fröhlichen Mundharmonikamelodie, was den Kontrast zwischen Verzweiflung und kindlichem Vergnügen ins Extreme verzerrt. Überhaupt ist der Soundtrack von Gianni Ferrio („Sing mir das Lied der Rache“) in seiner Mischung aus orchestralem Kitsch, traditionsbewusster Soundsoße und progressivem Rock die nicht immer stimmig abgepasste, doch insgesamt angenehm untypische Begleitung.

Im redseligen William Preston (Musiker Miguel Bosé, „Suspiria“) findet die schweigsame Hauptfigur, verkörpert von jenem gereiften Gemma, einen Weg- und Leidensgefährten. Seine Vergangenheit will er verbergen, deshalb nennt er sich nach einer bekannten Tabakmarke Michael Random. Sein richtiger Name aber ist, wie der Originaltitel, California – im deutschen wird daraus Virginia. Vor dem Krieg war er ein bekannter Revolvermann. Das ist nun vorbei. Die Erlebnisse als Soldat haben ihn gebrochen. Umso mehr erschüttert ihn der Tod des neu gewonnenen Freundes. Ein Vater aus dem Norden sucht das Grab seines Sohnes. Ein Missverständnis und hochkochende Rachegefühle führen zur heimtückischen Ermordung des Jungen.

In der Folge sucht Random die Familie des Getöteten auf. Dessen Vater (William Berger, „Heute ich… morgen du!“) bereitet ihm trotz der traurigen Nachricht einen warmherzigen Empfang. Der Fremde bleibt auf der brach liegenden Farm, findet vorläufig seinen Frieden und entwickelt gar Gefühle für Williams Schwester Helen (auch im richtigen Leben Bosés Schwester: Paola Dominguín, „Identifikation einer Frau“). Doch das Glück währt nur kurz. Als die hohen Kreise Whitakers skrupelloses Vorgehen aufgrund politischer Ambitionen nicht mehr tolerieren, gerät er selbst auf die Abschussliste. Helen, die mit Random zur gleichen Zeit für Besorgungen in der Stadt ist, wird von den flüchtenden Outlaws als Geisel genommen.

Der Rest ist Plot nach bewährtem Muster. Um die Frau aus den Händen der Schurken zu befreien, greift California noch einmal zur Waffe und macht Jagd auf die Entführer. Doch selbst dort verzichtet Regisseur Michele Lupo, der auch Bud Spencer-Vehikel wie „Sie nannten ihn Mücke“ oder „Eine Faust geht nach Westen“ inszenierte, auf die Klischees des Heldentums. Der Jäger wird selbst zum Gejagten, weil er, um an den Standort von Whitakers Versteck und damit Helens Aufenthaltsort zu gelangen, mit dem Banditen paktieren muss. In seinem Tenor verfügt das über konsequente Traurigkeit. Das Szenario erscheint in seinen zerbombten Städten und verfallenen Siedlungen geradezu endzeitlich. Das wirkt nach und macht „Der Mann aus Virginia“ zu einem intensiven, in seiner Aussage noch heute zutreffenden Drama.

Wertung: (7 / 10)

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