Der lange Tag der Rache (I/E 1966)

der-lange-tag-der-racheGiuliano Gemma („Der Mann aus Virginia“) ist ein großer des italienischen Kinos. Auch des Spaghetti-Westerns, wo er den harten Kerlen stets einen Funken Verschmitztheit verlieh. Nur selten war er der zerrissene, der ohne jede Reue auf Rache sinnende Revolvermann. Ein Held nach amerikanischem Vorbild also, rechtschaffend, sympathisch und gut? Nicht direkt, er verstand sich einfach auf die Balance zwischen Identifikationsfigur und Pistolenschwinger. Auch in „Der lange Tag der Rache“, wo er als vermeintlicher Vatermörder das Gesetz in die eigenen Hände nimmt.

Drei lange Jahre hat Ted Barnett (Gemma) in einem Straflager Steine geklopft. Das Engelsgesicht unter einem langen Bart und zerzauster Mähne verborgen, hielt ihn der Gedanke an Vergeltung aufrecht. Seine Rache gilt den Männern, die ihn in Gefangenschaft brachten, namentlich Sheriff Douglas (Francisco Rabal, „Halleluja… Amigo“) und Unternehmer Cobb (Conrado San Martín, „Todesmelodie“). Die haben Teds Vater auf dem Gewissen, sich dessen Besitz angeeignet und ihm den Mord zugeschoben. Nun, nach einer spektakulären Flucht, kehrt er in seine Heimatstadt zurück und knöpft sich die kriminelle Bagage vor.

Jedoch nicht im bleihaltigen Stile des schweigsamen Fremden ohne Namen, sondern mit einer Mischung aus persönlicher Vendetta und Justizverbundenheit. Anfangs erschießt er ein paar der unbedeutenden Schergen, in Notwehr sogar Sternträger Douglas. Aber Cobb, der lukrativen Waffengeschäften mit mexikanischen Banden nachgeht, will er dem Gesetz ausliefern. Dabei trifft er auf seine alte Liebe Dolly (Nieves Navarro, „Adios Sabata“), die zwischenzeitlich mit Douglas anbändelte und prächtig über die Machenschaften der Schurken informiert zu sein scheint. Dort setzt Ted an und spielt den mexikanischen General Porfirio (Franco Cobianchi, „Andere beten – Django schießt“) gegen Hehler Cobb aus.

Trotz klangvoller Namen – Ennio Morricone („Spiel mir das Lied vom Tod“) schuf mit Armando Trovajoli („Die Abenteuer des Kardinal Braun“) den Soundtrack, Regie führte Florestano Vancini („Allein gegen die Mafia“) – bleibt „Der lange Tag der Rache“ ein durchschnittlicher Vertreter des italienischen Westerns. Die Motivation Ted Barnetts ist begründet, nicht aber sein allmählich einsetzender und über die Coltmündung hinausreichender Gerechtigkeitssinn. Natürlich ist er gewillt seinen Namen rein zu waschen. Aber es wäre sicher auch weniger umständlich gegangen, als es das Drehbuch vorsieht.

Der routiniert in Szene gesetzte Rache-Plot weist einige Hänger auf, die von Gemmas mitunter fehl platzierter Coolness und einem Mangel an Action genährt werden. Die Kameraarbeit von Francisco Marín („Gentleman Joe – Der Rächer bin ich“) sorgt für stimmungsvolle Bilder und Einstellungen, die in ihrer Subtilität das bloße Feuergefecht kunstvoll überspielen. Aber die formalen Stärken egalisieren nicht die inhaltlichen Schwächen, respektive Klischees in der Figurenzeichnung. Denn die lassen den Film, wie die Anzüge des Helden, zu oft wirken wie von der Stange.

Wertung: (5 / 10)

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