Der König der Kannibalen (D 2016)

der-koenig-der-kannibalen„Blut zu Blut, Knochen zu Knochen und des Menschen Fleisch zu des Menschen Fleisch.“ – Religiöse Leitmaxime des Kannibalen-Klubs

Geahnt haben wir es immer schon. In der heimischen Provinz lauert das Grauen. Nein, die Rede ist nicht von ostdeutschen AfD-Kreistagungen und auch nicht von bajuwarischem Schunkelschlager, sondern von Kannibalen. Deren Kapitale trägt den Namen Carnesalem und findet sich im Naturverbund um die nordrhein-westfälische Kreisstadt Gevelsberg. Dort sind Crippler Criss und Master W zu Hause, die mit P.S.Y.C.H.O. Productions selbst über die Grenzen des Landes der Dichter und Denker hinaus von sich reden gemacht haben. Immerhin wurde ihr Langfilmdebüt „Das Geheimnis der Zauberpilze“ (2009) in den USA von TROMA herausgebracht.

Tummelplatz des engagierten Amateur-Duos sind die Silscheder Wälder, in denen sie fortwährend eine wiederkehrende Riege illustrer Figuren aufeinanderprallen lassen und diese nach allen Regeln der Heimwerker-Splatter-Kunst zerpflücken. So auch in „Der König der Kannibalen“, der an den Found Footage-Kurzfilm „Der letzte Kannibale“ (2011) anknüpft und über das Schicksal von Regisseur Alan Jates (auch für die Effekte verantwortlich: Sebastian Zeglarski) aufklärt, der im finsteren Forst vom animalischen Biest (Master W) angegangen wurde. Zum Auftakt des zweistündigen (!) Trash-Marathons werden Master W (bekifft und verpeilt) und Crippler Criss (übellaunig und cholerisch) vom Pfadfinder (Raping Ras) mit vorgehaltener Waffe genötigt, den Tod seines Bruders zu ergründen. Oder so ähnlich.

„Film ist Kunst. Und Kunst hat die Aufgabe, die Absurdität unserer soziokulturellen Existenz widerzuspiegeln.“ – Die Personifizierung des Tiefsinns: Master W

Der philosophische Anspruch wird durch ein einleitendes Nietzsche-Zitat untermauert, das den mitunter herrlich bekloppten Dialogen aber kaum das Wasser reichen kann. Auf technischer Ebene ist die Entwicklung der Freizeit-Filmemacher unverkennbar. Verfremdungseffekte, der merklich stimmigere Einsatz von Musik und sehenswerte Splatter-Einlagen werden der spürbaren Ambition hinter der überdrehten No Budget-Groteske durchweg gerecht. Ein wenig gedehnt wirkt das Szenario zweifelsfrei, doch bereitet es in der Hauptsache stattliches Vergnügen, den Darstellern auf ihrem Trip in den Wahnsinn zu folgen.

Durch die Folterung des altbekannten Einsiedlers mit Schweizer Akzent (auch Master W) geraten der Pfadfinder und seine Geiseln – der Crippler zelebriert die Furcht vor Zecken und Borreliose, Master W nutzt die Zeit für die filmische Dokumentation des Geschehens – auf die Spur von Alan Jates. Den weist ein ewig saftendes Stigma als Messias des Provinzgehölzes (zumindest für eine Gruppe Freizeit-Kannibalen, darunter jim Aal) aus und beflügelt ihn, jenseits des magischen Tunnels das ewige Reich des Fleisches, respektive eine Kommune für Menschenfresser zu errichten. In die verirrt sich bald Master W, während Crippler und Pfadfinder durch den Wald irren und in Anlehnung an den Italo-Tiersnuff der 70er ein Stoff-Eichhörnchen verputzen.

„Möget ihr euch nun mit diesem Leichnam vergnügen. Ich geh’ derweil ein wenig in die Büsche, um mich mit meinem wundervollen und gottgleichen Penis zu amüsieren.“ – Wertschätzer der kleinen Dinge im Leben: Alan Jates

Der mit geschundenen Genitalien und aus offenen Leibern quellenden Eingeweiden angereicherte Silschede-Mondo präsentiert sich als episches Trash-Kino und geht glatt als „Apocalypse Now“ des Amateur-Splatters durch. Auch hier steht eine Reise ins Ungewisse im Mittelpunkt, an deren Ende eine schier religiös verbundene Gemeinschaft entarteter Aussteiger wartet. In deren Reihen angekommen, erwartet Master W die Schändung per Anal-Intruder, ehe er versucht die „Cumshots des Horrorfilms“ mit der Kamera einzufangen. Nur wollen die Kannibalen partout nicht bei ihren sakralen Ritualen gefilmt werden. Das führt zu absurden Szenen zwischen Wäscheaufhängen und Freiluftringen. Aber Blut wird spritzen. Eimerweise.

Der zu herbem Blutverlust führende Fingerschnitt am Papier ist dabei eine der skurrilsten Begebenheiten. Oder der beim zelebrierten Abendmahl im Hintergrund vorbeirauschende Regionalexpress. Für solch großartige Momente muss man P.S.Y.C.H.O. Productions einfach ins Herz schließen. Sympathisch bleibt zudem das Spiel mit den minimierten Möglichkeiten. Da muss der Stock als Simulation eines Speertreffers auch mal schlicht unter den Arm geklemmt werden. Und dass die Haarpracht von Master W gegen Ende munter variiert, mehrt schlicht den Charme des Gesamtwerks. Wer von diesem heiteren Quatsch in Blutsoße einfach nicht genug bekommt, kann sich bei der Doppel-DVD-Veröffentlichung an mehr Bonusmaterial als bei Peter Jackson ergötzen. Für Freunde abseitiger Filmkunst glasklares Pflichtprogramm!

Wertung: (7 / 10)

scroll to top