Der Biber (USA/UAE 2011)

der-biberMit seinen Eskapaden hat sich Oscar-Preisträger Mel Gibson („Braveheart“) ins Abseits manövriert. Alkoholexzessen folgten öffentliche Wutausbrüche und die mutmaßlich rassistische Beschimpfung seiner ehemaligen Freundin Oksana Grigorieva. Vor der Kamera machte sich Gibson in den letzten Jahren rar. Dass sein Auftritt im Drama „Der Biber“, erst die zweite Hauptrolle seit 2002, zur karthatischen Reflektion der eigenen Problemkomplexe geriet, ist insbesondere dem Vertrauen seiner langjährigen Vertrauten Jodie Foster („Die Fremde in dir“) zu verdanken. Sie produzierte den Independent-Film, führte Regie und übernahm zudem eine der Hauptrollen.

Mit einem Major Studio wären wohl weder Gibsons zentrale Mitwirkung noch das zwar hoffnungsvolle, in seiner Herleitung aber wenig konventionelle Finale denkbar gewesen. Doch Foster bleibt ihrer Linie als Filmemacherin treu und präsentiert ein sehenswertes Drama, das seine tragende Figur trotz der oberflächlich humorigen Prämisse nie bloßer Komik ausliefert. Gibsons bravouröse Darstellung des depressiven Spielzeugfirmenleiters Walter Black lässt einige Rückschlüsse auf sein eigenes Seelenleben zu. Von ihnen profitiert der Film zweifelsfrei – allerdings auch nur, weil sich sein Hauptakteur über alle öffentlichen Urteile hinweg bedingungslos öffnet und zumindest künstlerisch nachhaltig freischwimmt.

Foster inszeniert den Leidensweg nicht mit leichter Hand, sondern widmet sich vorrangig den düsteren Tönen. Parallel zum im Lethargie und mangelnder Lebensfreude erstarrten Walter droht auch dessen Familie zu zerbrechen: Ehefrau Meredith (Foster) hadert mit der eigenen Hilflosigkeit, dem kleinen Henry (Riley Thomas Stewart) fehlt das väterliche Vorbild und Teenager Porter (Anton Yelchin, „Fright Night“) treibt die Angst um, zu werden wie der Vater. In ihrer Verzweiflung setzt Meredith den Gatten vor die Tür. In einem Hotelzimmer will er sich erfolglos das Leben nehmen, was in einer intensiven Melange aus ätzender Komik und bitterer Tragik zum Kurzschluss führt. Als er wieder zu sich kommt, hat sein Unterbewusstsein den selbstzerstörerischen Prozess zum Stillstand gebracht – durch die Handpuppe eines Bibers.

Als Vermittler zwischen depressivem Ich und Außenwelt ebnet die Puppe als Sprachrohr Walters Weg zurück ins Berufs- und Familienleben. Nur scheint sie ihn in all seinen kommunikativen Handlungen bald völlig zu ersetzen. Ob beim Essen, unter der Dusche oder beim Sex, als Ventil unterdrückter Emotionen bleibt der Biber omnipräsenter Legat des eigentlichen Selbst. Einen ähnlichen Zustand durchlebt parallel auch Porter, Musterschüler und Einzelgänger, der nur dann zu sich selbst findet, wenn er sich in Rolle und Sprachvermögen von Mitschülern versetzt und gegen Bezahlung Aufsätze und Arbeiten für sie verfasst. Von dieser Zerrissenheit erfasst wird bald auch die zaghafte Beziehung zu Norah (Jennifer Lawrence, „Winter’s Bone“).

Die Nebenhandlung um Porter wirkt zwar oberflächlich abgehandelt, verkommt durch die guten Jungdarsteller aber nie zum irrelevanten Beiwerk. Mittelpunkt der Geschichte bleibt aber Walter, dessen eigene Persönlichkeit hinter der schizophrenen eigenen Manifestierung des Bibers mehr und mehr zurücktritt. Dass die dabei durchlebten Ebenen von neuerlichem Erfolg und familiärer Wiedervereinigung im Mittelteil lediglich dramaturgischen Standards entsprechen, schaden dem Film Dank Fosters geraffter Erzählweise und Gibsons intensiver Performance nicht. Psychologisch tiefschürfend ist das alles nicht, zumal die Überwindung zerstörerischer Wesenszüge am Ende in eine radikale körperliche Metapher übersetzt wird. Aber das Leben ist, wie es Foster im Schlussbild visuell Simplifiziert, eine Achterbahn. Und auf der ist Hoffnung eben nicht automatisch mit Heilung gleichzusetzen.

Wertung: (7 / 10)

 

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