Dellamorte Dellamore (I/F/D 1993)

dellamorte-dellamore„The living dead and the dying living are all the same. Cut from the same cloth.”

„Dellamorte Dellamore“ ist einer der originellsten und besten Horrorfilme der Neunziger Jahre. Inspiriert von Tiziano Sclavis gleichnamigem Roman, besticht das exzentrische wie hintergründige Meisterwerk durch Michele Soavis („Stage Fright“, „The Sect“) betörende Regie und Rupert Everetts („Ein perfekter Ehemann“, „Ernst sein ist alles“) grandiose schauspielerische Leistung. Zwischen blutiger Gewalt, stilisiertem Trash und bittersüßer Romantik spannt sich eine subtile Sinnsuche mit Anspruch. Ein gewagtes Experiment, dass jenseits des standardisierten Giallo-Splatters bis zum rätselhaften Finale zu fesseln versteht.

Francesco Dellamorte (Everett) ist Friedhofswärter in einem beschaulichen Ort in der Lombardei. Doch der idyllische Schein trügt. Nach sieben Tagen entsteigen die Toten ihrer letzten Ruhestätte und wandeln als Zombies umher. Zusammen mit seinem zurückgebliebenen Gehilfen Gnaghi (François Hadji-Lazaro, „Die Stadt der verlorenen Kinder“, „Pakt der Wölfe“) befördert Dellamorte die Untoten zurück ins Jenseits. Durch eine Kette mysteriöser Ereignisse gerät sein Weltbild ins wanken und der Totengräber verstrickt sich in ein tödliches Verwirrspiel zwischen Wahnsinn und Realität.

Michele Soavi – der bei Terry Gilliams mit Spannung erwartetem „Gebrüder Grimm“ kürzlich als Second Unit Director in Erscheinung trat – hat sein Handwerk bei Dario Argento („Suspiria“) gelernt. Die Atmosphäre seines dichten Geniestreichs kündet passagenweise vom Lehrstuhl des Meisters. Die fast malerischen Bilder atmen pure Poesie, während der Plot durchsetzt ist von teils absurden Wesenszügen. So verliebt sich der tumbe Gnaghi in das nach einem Unfall vom übrigen Körper separierte Haupt der Tochter des Bürgermeisters (Stefano Masciarelli, „Der Held aus Apulien“).

Bizarre Nebenhandlungen laufen kunstvoll ins Leere, während Francesco Dellamorte wiederholt Abbildern seiner großen Liebe begegnet. Verkörpert wird diese mit sinnlicher Erotik von Anna Falci, die in Deutschland durch den Zweiteiler „Die falsche Prinzessin“ bekannt wurde. Ein Happy End für die Liebenden gibt es nicht. Dafür fordert der leibhaftige Sensenmann von Dellamorte seinen Tribut. Statt der wiederkehrenden Toten solle er besser die Lebenden richten, um das Übel seines Schicksals an der Wurzel zu packen.

Das konfuse Finale bringt keinerlei befriedigende Klimax mit sich. „Dellamorte Dellamore“ lässt den Vorhang über eine surreale Schlusssequenz fallen und wirft weit mehr Fragen auf als im Verlauf der episodischen Handlung beantwortet werden. Michele Soavi befriedigt nicht das Verlangen offener Leiber und endloser Gewalt, sondern bettet die albtraumhafte Geschichte in ein romantisiertes Liebes-Drama. Sein Film ist damit weniger ein Genrebeitrag im klassischen Sinne, als vielmehr ein sinnlich kunstvoller Abgesang auf die Last der Emotion. Spielraum zur Interpretation inbegriffen.

Wertung: (8 / 10)

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