Deep Cover – Jenseits der weißen Linie (USA 1992)

„This whole fucking time I’m a cop pretending to be a drug dealer. I ain’t nothing but a drug dealer pretending to be a cop.“ – Russell

Als Schauspieler ist Bill Duke eine Größe des Genre-Films. Dort spielte er in den 80ern und 90ern in Werken wie „Phantom Kommando“, „Predator“, „Ein Vogel auf dem Drahtseil“ oder „Payback“ mit. Allerdings hat Duke seine Qualitäten nicht nur vor der Kamera gezeigt: Als Regisseur machte er sich für die Rechte von Afroamerikanern stark und legte mit „The Killing Floor“ (1984) ein vielbeachtetes Debüt vor, das mit dem Spezialpreis der Jury in Cannes prämiert wurde. In der Hauptsache wird Duke allerdings mit Action- und Gangster-Kino in Verbindung gebracht, dass er als Regisseur mit dem Neo-Noir-Thriller „Jenseits der weißen Linie“ auch hinter der Kamera bereicherte.

Der Originaltitel, „Deep Cover“, nimmt den Plot dabei besser vorweg als das deutsche Pendant. Denn Undercover-Cop Russell Stevens (Laurence Fishburne, „King of New York“) wird so tief ins Drogenmilieu von Los Angeles eingeschleust, dass es ihm bald zunehmend schwerfällt, die Grenzen zwischen Recht und Unrecht auszuloten. Die Motivation der Hauptfigur wird durch den Prolog skizziert: 1972 wird Russells drogensüchtiger Vater (Glynn Turman, „J.D.‘s Revenge“) bei einem Raubüberfall am Weihnachtsabend vor seinen Augen erschossen. Ihm soll das nicht passieren. Also wird Russell Polizist. Von DEA-Agent Carver (Charles Martin Smith, „The Untouchables”) wird er angeworben, um dabei zu helfen, dem einflussreichen Drogenimporteur Anton Gallegos (Arthur Mendoza) das Handwerk zu legen. Dazu soll er unter dem Namen John Hull Drogen kaufen und verkaufen. Die einzige Regel: bloß nicht auffliegen!

Und so macht sich John ans Werk, argwöhnisch beobachtet vom religiösen Polizei-Veteran Taft (spielte neben Fishburne auch in „Hoodlum“: Clarence Williams III). Mit der Bekanntschaft des zwielichtigen Anwalts David Jason (Jeff Goldblum, „Die Fliege“) gerät John mit Felix Barbosa (Gregory Sierra, „Flammendes Inferno“) in Kontakt, einem hochrangigen Getreuen Gallegos‘. David, der als Mittelsmann zwischen Kartell und afroamerikanischen Straßen-Dealern fungiert, fasst schnell Vertrauen zu John und bezieht ihn in Pläne ein, durch die Einführung einer neuen Designerdroge Unabhängigkeit zu erlangen. Doch für den Aufstieg in der Unterwelt – und die Erfüllung seines Auftrags – muss John töten. Und die Partnerschaft mit David erhält durch dessen zunehmend eskalierenden Konflikt mit Felix zusätzlichen Zündstoff.   

Anders als vielen (Noir-)Thrillern sind die Off-Kommentar eine sinnhafte Stütze der Erzählung. Durch sie wird das Gezeigte eingeordnet und mehr noch Johns Zerrissenheit skizziert. Denn am Ende ist längst nicht mehr klar, ob Russells Loyalität nun dem Gesetz oder – in Persona Johns – dem Verbrechen unterworfen bleibt. Ein Akzent dieses Spannungsfeldes bleibt die amouröse Verstrickung mit Antiquitätenhändlerin Betty (Victoria Dillard, „Ricochet“), die für David das Drogengeld wäscht. Dazu wird die Ambivalenz des Gesamtszenarios dadurch gestärkt, dass der von Schreibtischtäter Carver getriebene „War on Drugs“ nie auf die Hintermänner in Südamerika abzielt, sondern lediglich die kurzfristige Linderung des Problems in den USA zum Ziel hat.

Damit verfügt „Deep Cover“ über eine Mehrschichtigkeit, die der insgesamt zügigen Abhandlung der Geschichte nie im Wege steht. Duke vermeidet sowohl Längen als auch überflüssige Nebenhandlungen und bleibt stets auf die wesentlichen Aspekte fokussiert. Teil des positiven Gesamteindrucks ist auch der Verzicht auf selbstzweckhafte Actioneinlagen, die etwa in „New Jack City“ (1991) zu einer gewissen exploitativen Unwucht führten. In diesem Unterwelt-Entwurf bleibt die Gewalt als Lösungsmittel ein notwendiges Übel. Nachdem der Pulverdampf verflogen ist, bleibt am Ende vor allem der kritische Subtext, der Russell/John dem moralischen Diskurs mit einer direkt ans Publikum adressierten Frage weit über den bloßen filmischen Unterhaltungsanspruch hinaus Geltung verleiht. Bill Duke ist eben nicht nur eine Größe des Genre-Films, sondern auch ein verdammt guter Regisseur!  

Wertung: 7.5 out of 10 stars (7,5 / 10)

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